Le journal de prison de Marcel Stürmel : 24.2.-1.5. 1928 !

Le journal de prison de Marcel Stürmel : 24.2.-1.5. 1928 !

 

Le présent document est inédit et une fois de plus je remercie Monique Bilger de m’avoir autorisé à le publier. Il s’agit du journal de son père, Marcel Sturmel, qui couvre la période de son incarcération avant le fameux procès de Colmar, à savoir du 24 février au 1er mai 1928 (vous trouverez une brève description de ce procès dans cette vidéo à partir de 6’58 cliquer ici).

 

Je laisse les historiens juger de l’importance de ce texte. Il me semble qu’il ne contient aucune révélation mais on y retrouve les méthodes habituelles de la démocratie française : Marcel Sturmel, citoyen loyal et innocent (il sera acquitté à l’issue du procès) se retrouve en prison durant trois mois uniquement pour des raisons politiques !

 

Il évoque les conditions de son incarcération : nous sommes en hiver, et du 24 février au 9 mars sa cellule n’est pas chauffée, le seau d’aisance n’est pas vidé régulièrement. Il se retrouve seul, n’a pas le droit de communiquer avec les autres accusés, son courrier est retenu. Durant de longues semaines, il n’a droit ni aux livres, ni aux journaux.

 

Pourtant le ton reste calme et posé, une seule fois Sturmel s’emporte contre celui qu’il considère comme le responsable de son malheur : Riehl, qui a travaillé pour la police comme agent provocateur.

 

Mais ces pages révèlent également une des difficultés majeures que doit affronter tout opposant politique : pendant que les hommes au pouvoir ont tout loisir de profiter du confort et des revenus de leur position, celui qui s’engage avec trop de succès pour ses idées va subir non seulement la critique, qui est légitime, mais le pouvoir va également tenter de le détruire par des moyens détournés, dans ce cas précis : sa famille. En effet, l’épouse de Marcel Sturmel, qui n’est pas engagée politiquement et ne demande qu’à vivre une vie paisible de mère au foyer, est frappée de plein fouet par l’arbitraire français.

 

Un exemple le 27 février 1928 :

« Hélène est venu ce midi. Ma petite femme a été téméraire, malgré que cela lui pèse. J’ai bien vu à quel point elle était pâle. J’espère qu’après quelques visites cela ira mieux. L’entretien ne dure jamais plus de cinq minutes. Le parloir est encore plus agréable que ce que j’osais imaginer. Après le froid et la nudité glauque de la cellule, je le ressens presque comme une détente, alors que vu de l’extérieur, de l’autre côté des barreaux, cela doit inspirer bien d’autres pensées. Jusqu’à ce jour, Hélène n’avait reçu aucune de mes trois lettres. Un manque d’égards sans pareil ! »

 

Le 28 février :

« A partir de 4 heures du matin c’est insupportable. La couche est bien trop dure et inconfortable. »

 

Mais Sturmel n’abandonne pas le combat, dans sa cellule il ne cesse d’écrire : lettres, articles, constate que la censure bloque son courrier qu’il ne reçoit pas régulièrement, mais par paquets. Et puis, il ne perd jamais de vue son combat et la stratégie politique.

 

Le 4 mars :

« Demain, réunion de la direction du parti. Tôt ce matin j’ai écrit une lettre à Brogly, afin qu’il présente sa candidature. Pourvu qu’elle arrive à temps. Du fait de l’incarcération de Rossé et de moi-même, nous tenons une magnifique occasion de faire campagne sans le moindre meeting, uniquement par des affiches et des tracts. »

 

Les choix des autonomistes seront payants : lors des élections législatives qui suivront le procès de Colmar, ils obtiennent la majorité des sièges alsaciens. Marcel Sturmel est élu député dès le premier tour le 13 janvier 1929.

 

Mais il est vrai que nous parlons ici d’une époque où les Alsaciens avaient encore conscience de leur spécificité, parlaient leur langue et avaient le courage de ne pas obéir aux diktats parisiens !

 

Au sujet de Marcel Sturmel voir également :

http://hewwemi.net/marcel-sturmel-une-biographie-succinte/ 

http://hewwemi.net/marcel-sturmel-pfirt-ferrette-1936-un-discours-singulierement-actuel/

http://hewwemi.net/la-verite-sur-laffaire-sturmel/

 

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Marcel Stürmel Journal:

 

24/2.

Gegen 5 Uhr vr Co. und 10 nach 5 daheim. Kurz vor 10 Uhr kommen Boltz und Buckenmeyer. Frau weckt mich, kleide mich an. Ich solle mitgehen auf Kommissariat. Auf direkte Frage gesteht Boltz, dass er ein »mandat d’amener« hat. Helene weint. Boltz frägt, ob wir es nicht erwartet hätten. Ich hatte nichts zu erwarten aber gewusst habe ich es seit die Sache beschlossen war. Abschied-

Auf Büro Els K. (Elsässer Kurier) war Schweitzer bereits vor mir gewesen. Boltz nimmt ein D. Lj. auf sich und zeigt auch ein dickes Dossier mit kopierten Aussagen Riehls, von denen einzelne für mich belastend sein sollen. Ich lache und weise auf die besonderen Eigenschaften R. hin. B. erklärt die Rolle R. auf seine Weise (Briefe nach D. Kontrolle, A.F. usw) Verhört seien auch Abbé Ohl, Rudler, Walliser usw.

Wir begeben uns ins Landgericht. Unterwegs begegnet uns Speich, Perrin v. Tagblatt, letzterer kommt ans Landgericht um mit H. Mitton zu sprechen. Schweitzer in Begleitung Bitsch geht im Gange auf und ab. Unterhaltung verboten.

Boltz wurde von mir darauf aufmerksam gemacht, dass Riehl zweifellos mich hasst, weil er wohl glaubt, dass ich irgend eine Rolle gespielt bei seiner Entlassung (Vater Riehl) aus dem Geschäft der Alsatia. (?)

Nach Schweitzer werde ich zum Untersuchungsrichter geführt: Voilà votre tour arrivé M. Sturmel! Kurze Erklärung der Anklage: complot contre la sûreté de l’état. Ob ich Advokat nehmen will. Habe noch nicht nachgedacht, vielleicht Me Klein Strassbg-

Überlegen Sie also bis zum Verhör. Ich werde Sie fragen über das »mouvement autonomo-séparatiste«, die Rolle, die Sie darin gespielt haben und die Ortsgruppe Mühlhausen. Sie können sich auch ein aide-mémoire vorbereiten, damit die Sache nicht ins Ferne schweift und so sich verzögert.

Der greffier nimmt ein kurzes p.v. auf und Boltz führt mich ins Gefängnis. Kurze Formalitäten, 24,90 frs Leibesvisitation und Zelle 108. Von heute ab bin ich N° 514- Die Zelle ist kalt und muss erst geräumt werden. Sie liegt gegenüber der früheren Wirtschaft … Ecke Hoff. Str. neben Kr. Wenigstens scheint die Sonne herein. Auf Verlangen wird mir der Überzieher belassen.

Gegen Abend bekomme ich Schreibpapier und Tinte. Essen ist schlecht für heute: 1 Schüssel Suppe und Abends ein Stück Brot. Das Bett ist hart, ich bin von 4 Uhr ab wach. Es stinkt, da ein Kübel in der Ecke steht, der nur einmal täglich geleert wird.

 

25/2.

Der 2. Tagesplan läuft schon ein wenig besser. Meine »Stube« muss ich selber wischen. Bis jetzt habe ich weder Seife noch Bürste. Vorm. konnte ich in der Kantine Sardinen, Schokolade, Wein und Café bestellen. Vielleicht bekomme ich heute von den Schwestern gekocht.-

Brogly gebeten, mir die Adresse des bretonischen Advokaten zu verschaffen und zugleich an Klein geschrieben.

Nachmittags werde ich ½ Stunde im Hofe spazieren geführt. Beinahe wäre heute Schw. in meine Zelle eingeschlossen worden.

Das Essen ist besser geworden.

 

26/2.

Sonntag: In die Küche darf ich nicht gehen, so lange die Untersuchung nicht abgeschlossen. Heute wurde ich auch Vormittags spazieren geführt. Ich habe aus der Bibliothek 3 Bücher bekommen, da bis zur Stunde noch keinerlei Post mir abgeliefert wurde. Um 11 Uhr die erste Wäsche bekommen von Helene, allem Anschein nach ohne meinen Brief bekommen zu haben.

12 Uhr Menü: Linsen, 1 Stück Hammelbraten, ¼ Wein, Käse und Brot

Auffälligerweise haben schon 2 Personen gefragt, wer jetzt noch am Kurier arbeite. Ich vermute, dass man mich aushorchen möchte. Schweitzer scheint in der Zelle nebenan zu sein.

Habe heute auch Dr Haegy geschrieben.

16 Uhr Narren gehört und betrachtet, die unten vorbeizogen. Durch eine zerbrochene Scheibe lässt sich die ganze Nordfeldstrasse beobachten.

17 Uhr Menü: Hammelfrikassée mit Kartoffelbrei.

Ich schreibe bis gegen 19 h und lege mich dann auf den harten Strohsack.

Seit 2 Mahlzeiten wurde mir das Geschirr nicht gewaschen. Das kalte Wasser nimmt das Fett nicht an.

 

27/2.

Montag. Trotz aller Hilfsmittel will das Bett nicht weniger hart werden. Nach 4 Uhr wälze ich mich regelmässig auf dem Strohsack herum.

Um 7 Uhr stellt man den stinkenden Eimer vor die Türe, den Staub etc. den man zusammengefegt, den Wasserkrug usw. Die Wärter, mit Ausnahme einzelner sind, nachdem sie den Häftling kennen, entgegenkommend.-

Heute zum ersten Male Kaffee bekommen. So wie beim Militär! Der Wärter hat mir auch Papier gebracht und das Essgeschirr zum Auswaschen mitgenommen.

9h Mme Rossé geschrieben, der Brief geht aber erst Morgen fort.

Zum ersten Mal habe ich für längere Zeit das Luftfenster offen lassen können ohne zu frieren. Hélène hat mir eine Mütze geschickt, was mir sehr lieb ist. Ich habe nur noch kalte Hände.

9 ½ -10 Uhr Spaziergang

11 Uhr Besuch beim Arzt (Dr Brazis) wegen meiner Fingern. Hört schlecht-

Ein seltsames Gefühl zwischen einem Dutzend Landstreichern, Taschendieben oder Wildern durch die Gänge geführt zu werden: Marsch, links – rechts – halt! – Gegen die Wand blicken! Wenn der Arzt kommt: Découvrez-vous! Menschliche Bestien, die durch die Gänge getrieben werden! – Riehl, das hast Du auf dem Kerbholz und wehe Dir, wenn es eine Gerechtigkeit gibt.

Auf dem Rückweg sah ich Schall der im Hofe spazieren ging.

Mittags war Hélène da. Mein Frauchen hat sich tapfer gehalten, wenns auch schwer fiel. Ich habe wohl bemerkt, wie bleich es aussah. Ich hoffe, dass es nach einigen Besuchen besser geht. Das Gespräch dauert immer nur etwa 5 Minuten. Im parloir ist es noch angenehmer als ich mir nur auszudenken wagte. Nach der Kälte und trüben Nacktheit der Zelle deucht es mich eine Erholung, während der Aussenstehende hinter dem Gitter ganz andere Gedanken bekommen muss. Hélène hatte bis heute noch keinen meiner 3 Briefe erhalten. Eine Rücksichtslosigkeit sondergleichen!

6 h Meine Finger werden mit Alumin gewaschen, vom Infirmier.

Menu immer gleich: Hammel und Suppe.

Heute Abend die ersten Bücher, Briefpapier und mein Messbuch erhalten – Unsichtbare Hand und verborgenes Heldentum –

 

28/2.

Ein ruhiger Tag. Die Nacht ist ab 4 Uhr morgens unausstehlich. Das Lager ist zu hart und unbequem.

Vormittags erhielt ich Wäsche und neue Socken. Hélène ist pünktlich und ich habe nun endlich warme Kleidung die die Zellentemperatur erträglicher gestaltet. Die Wäsche benutze ich auch als Kopfkissen, da das Kopfpolster wie ein Stein ist.

Spazieren durfte ich erst von 4-4 ½ Uhr und diesmal im Hofe gegenüber Dr. Kr.

Von der Aussenwelt höre ich nicht viel. Abends kommt wieder Post. Kurier vom Montag und Dienstag zugleich – auch Bücher und Schreibmaterial von Helene. Allem Anschein nach hat Hélène meine Briefe noch nicht erhalten.

 

29/2.

Heute erhielt ich den Besuch von Abbe Lehmann und nachmittags von Hélène.

Schwiegermama hat mit Abbé Lehmann gesprochen gehabt, wegen Temperatur in der Zelle. Es geht jetzt besser. Ich weiss jetzt auch, dass Abbé F. in der Etage unter mir liegt.

Abends erhielt ich einen ganzen Stoss Bücher und Zeitungen. Die Papierschere und der Leim wurden mir nicht ausgeliefert.

 

1/3.

Heute wurde ich um 8 Uhr bereits in den Hof geführt. Habe Keppi geschrieben wegen Abrechnung und »Echo« wegen Zeitung vom 25/2.28.

Ein langweiliger Tag. Der Aufseher, ein Lothringer der nur französisch sprechen tut, obwohl er deutsch kann, ist nicht sehr entgegenkommend. Seit heute früh verlange ich Rasierapparat und Klingen, aber vergeblich. Ich sehe wie ein Wilder aus, oder wie ein Landstreicher, den man im Graben aufgelesen hat.

Ausserdem bekam ich heute weder Zeitungen noch sonstige Post, trotzdem sicherlich solche angekommen sind.

Dagegen konnte ich in der Kantine wieder bestellen. Das letzte Mal bekam ich Sardinen ohne einen Schlüssel, so dass die Büchse noch in meinem Spind steht.

 

2/3.

Weder der Untersuchungsrichter, noch ein Advokat haben sich bis zur Stunde gemeldet. Ich will versuchen, nochmals an Adv. Klein direkt zu schreiben und dann nächste Woche ein Verhör verlangen um die gegen mich vorgebrachten Anklagen zu erfahren. Complot contre la sûreté de l’état ist etwas zu allgemein gehalten.

Abends kam ein Bestätigungsschreiben vom Adv. Klein, der bereit ist, meine Verteidigung zu übernehmen mit Jaegle, Zillion und Berthon.

Ich habe Mitton sofort verständigt und Mitteilung der Gründe meiner Verhaftung und Einkerkerung verlangt. Bin gespannt ob und welche Antwort ich bekomme.

« Elsässer » und « Unterländer » kommen heute stossweise an. Humanité wird ohne Bestellung regelmäßig zugestellt.

Von Hélène Besuch und 2. Brief erhalten. Hat auch Marguerite mitgebracht, das mich anfänglich nicht erkannte und dann verschämt an Hélène sich drückte. Ich fand es viel größer, ernster und aufgeweckter wie vor 8 Tagen.

 

2/3.

Trotz meines Verlangens durfte ich nicht einmal mein Kind in die Arme nehmen.

Hélène hat die Weigerung eben so weh gemacht wie mir. Beim Fortgehen im Gang schon rief der Kafer plötzlich Pa, ein Zeichen, dass es mich wohl erkannt hatte.

Hélène ist übrigens furchtbar lieb in seinen Briefen. Ich bin froh, zu hören, dass es oft nach Brunstatt oder Riedisheim geht und so Ablenkung hat.

 

3/3.

Morgens ist es immer das gleiche Lied. Von 4-5 Uhr ab wälze ich mich auf meinem Strohlager hin und her. Kein Mittel um wieder einzuschlafen und doch wegen der Kälte unmöglich aufzustehen.

Ab heute beträgt die Zeit zum Spazierengehen 1 Stunde und zwar Vormittags ½ Stunde und Nachmittags desgleichen.

Wie die gestrigen Zeitungen melden, sind nunmehr die Sapart Dokumente Brogly wieder ausgeliefert worden. Welch klägliche Blamage für die Regierungspresse!!!

3/3.

Abends 7 Uhr hatte ich noch keinen Kurier.

Da meine Zahnschmerzen wieder anheben, so habe ich Dentiste Biery benachrichtigt wegen Besuch, die Kosten muss ich selber zahlen.

Hélène war mit Mme Rossé hier, die ich allerdings nicht gesehen habe. Gruß von Melle Honegger.

Um 8 Uhr erhielt ich allerdings einen tüchtigen Stoss Zeitungen. Am meisten freut mich die tüchtige Abfuhr Wicky’s in einer Mülh. (Mülhauser) Mieterversammlung und die missliche Lage Grumbachs.

4/3.

Sonntag. Gottesdienst für uns Schwerverbrecher verboten. Aufseher führte uns am Vormittag 2 x ½ Stunde in den Hof, um Mittags frei zu sein.

Jeden Sonntag kann man ein Brausebad nehmen.

Langweiliger Tag. Draussen lacht die Sonne vom Himmel und hier sitzt man im trüben Licht der kalten Zelle.

Das Menü ist immer gleich: Bratengut, dann Erbsen-, Linsen-, Brot-, Kartoffel- oder Bohnensuppe dazu. Hie und da etwas Gemüse. Mittags noch ¼ Wein gut gemessen. Brot jeden Tag einen kleinen Leib.

Seit heute früh habe ich Leibschmerzen. Ich habe mich in der Nacht in der kalten Zelle erkältet.

Morgen findet eine Vorstandssitzung der Partei statt. Ich habe heute früh sofort einen Brief an Brogly geschrieben, um für eine Parteikandidatur einzutreten. Hoffentlich kommt das Schreiben rechtzeitig an. Man hätte durch die Verhaftung von Rossé und mir prächtige Gelegenheit Wahlen ohne jeden Wahlkampf zu machen, allein durch Plakate und Flugblätter. Mit Eingreifen der Presse und eines unabhängigen Wahlkomitees hätte der Kandidat Aussicht auf Erfolg, umsomehr, als bei den Sozialisten Zersplitterung herrscht und die Demokraten nur im Rebberg und bei besseren Geschäftsleuten Aussichten haben. Pastor Scheer wird in protestantischen Kreisen Widerstand finden.

Ich erwarte mit Spannung das Resultat der Beschlüsse.

5/3.

Dieser Montag reiht sich, was Einsamkeit anbelangt, würdig dem gestrigen Sonntag an. Ich bin noch selten so unruhig gewesen wie diese letzten Tage.

Die Wände der Zelle scheinen mich zu erdrücken und ich halte es nur kurze Zeit auf meinem Schemel aus.

Dann kann ich stundenlang in der Zelle im Kreise herumlaufen oder an der Wand die Inschriften bewundern. Neben langen Zahlenkolonnen (die noch abzusitzende Zeit) finde ich Bemerkungen, die darauf schließen lassen, dass schon eine Weibsperson hier gewesen oder ein Schweitzer. Dann schimpft wieder einer auf das « Wullazupfa » (Wollzupfen) und ein anderer schreibt melancholisch den Refrain von Victor Schmidt an die Wand:

« Wenn i nur daheim im Elsass wär »!

Ob dies auch ein Heimatbündler war konnte ich nicht feststellen. Hoffentlich nicht, denn sonst würde sein Verbrechen unbedingt auf unser Konto geschrieben. Andere haben an der Wand notiert, wieviel « Schockla » und « brot und (?) » sie in der Kantine bestellt haben.

Ausserdem bekam ich heute keinerlei Post. Ich vermute, dass man die Zeitungen zurückhält, weil am Samstag im « Kurier » ein neuer Brief Helmers an Poincaré stand (Fachot) und weil in der heutigen Zeitung das Resultat der Hagenauer Nachwahl sich befindet.

Oder will man den starken Mann markieren, weil ich um Aufklärung über meine Verhaftung gebeten?

Der Schwester, die das Essen kocht, passierte heute komisches Missgeschick – sie vergass zum Mittagessen das Fleisch zu braten und wir mussten Mittags mit einer Suppe vorlieb nehmen während es dann Abends in die gleiche Schüssel ein Kalbsbeafstaeck und Kalbsfrikassée kam. So sorgte die gute Schwester mindestens für etwas Unterhaltung in diesem öden, traurigen Viertel.

9/3.

Schon 4 Tage! weiter im gleichen Tempo. Vom Gericht hört man nichts. Wie ich in der Zeitung lese, hat man den Franzosen Zadock wieder laufen lassen. Die bezügl. Notiz in der Presse lässt tief blicken.

 

9/3.

Gestern war auch Dr Brazis in der Zelle um sich nach meiner Gesundheit zu erkundigen. Ich habe ihm die Kälte geklagt. Abbé Schumann liess sich diese Woche nicht blicken. Ich weiss jetzt, dass der Wärter Befehl hat, mich nur im hinteren Hofe spazieren zu führen, Gründe unbekannt. Hoffentlich kommt am Montag Adv. Klein bei mir durch, von dem ich bis zur Stunde nichts gehört habe.

Die Post kommt nur ruckweise an und ich habe den Untersuchungsrichter in Verdacht, dass er auch abgehende Briefe tagelang liegen lässt.

Für den Els. Bauer habe ich am 6/7.3. eine Nummer zusammengestellt. Bin gespannt, zu erfahren, wie die Geschichte klappt.

Infolge des kalten Wetters ist heute zum ersten Mal wieder in der Zelle geheizt.

Nachmittags kam Hélène zu Besuch. Wegen meines Abonnements ging ein unhöflicher Brief von Jaegy bei Heidet ein. Ich habe an Rehm – Mülh. Ville geschrieben wegen Rückzahlung. Dr H. soll erklärt haben, mich für entstehenden Schaden haftbar zu machen!!?

Helene ist Gott sei Dank guten Muts geworden. Marguerite ist aber erkältet. – En passant auch Mme R. gesehen.

 

10/3.

Wieder ist Samstag. Tag für Tag geht in gleicher Melancholie vorüber. Heute fiel Schnee, Dach und Hof waren bedeckt und glücklicherweise ist tagsüber geheizt. Ich habe auf den 2. Spaziergang verzichtet. Seit 2 Tagen verlange ich wieder vergebens mein Rasierzeug. Es ist immer der gleiche ungehobelte Patron, der Schikanen sucht. Heute einen Artikel « Niedergang der europäischen Demokratie » für Kurier geschrieben. Gestern Nacht die beiden Manuskripte « Welt und Kirche » sowie 2 Umschläge Frankreich – Deutschland für « Heimat » an Pfister – Schlettstadt gesandt.

Heute Abend werde ich noch Manuskripte für Els.Bauer und einen Brief für Hélène schreiben.

Zwischen 6 u. 7 Uhr sprach Adv. Klein vor aber nur für wenige Minuten. Er gab kurze Auskunft über Stand der Affäre (ungef. was Kurier vom 10/3. schreibt) Frägt sich ob es überhaupt zu einem Prozess kommt. Rolle Riehls der zur Verhandlung müsste. Fayet war entsetzt über den Skandal. Briefe an Advokaten werden geöffnet, Telephon ist überwacht in den Zimmern muss man stets nachsehen, ob nicht irgendwo ein Mikrophon oder ähnliches steckt! Einfach fürchterliche Justizverhältnisse!

 

10/3.

Adv. Klein erklärt im Laufe der Woche durchzukommen. Erhofft in den nächsten Tagen irgend eine Entscheidung. Verhöre gehen langsam weiter natürlich mit negativem Resultat. Bemerkenswert ist der Artikel des « Kurier » von heute 10/3. In der Kammer verlangt man Amnistie und die Haltung der Regierung ist noch nicht klar. Man möchte die Kommunisten freilassen wegen dem Wahlkampf.

 

11/3.

Sonntag. Zum ersten Mal angenehm warm in der Zelle. Vormittags endlich rasiert und gebadet. Spaziergang bereits um 7 ½ Uhr und dann um 11 Uhr. Es ist empfindlich kalt geworden.

Essen immer gleich. Habe mir heute ein Stück Zahn ausgebissen (Fleisch u. Brot).

Es wäre Zeit, dass die Komödie aufhört.

 

12/3.

Vormittags an Klein geschrieben wegen längerer Besprechung (Vorl. Haftenthaltung und Klage gegen Verleumder). Brief vorsorglich verschlossen.

 

13/3.

Mittags war Hélène hier. Am Samstag will auch Alice kommen. Meine Manuskripte sind nun endlich angekommen. Es scheint mir aber, wie wenn ein Teil « verloren » gingen.

Ich bin im Zweifel, ob es einen Wert hat, in den Wahlkampf einzugreifen. Zu Mülhausen hat Silbermann aus der Cité eine lächerliche Proklamation vom Stapel gelassen. Man muss sich dieselbe merken für die Haltung der Partei dieser Person gegenüber.

14/3.

Heute, vormittags kam Abbé Lehmann in meine Zelle. Kein Mensch glaubt nunmehr mehr an eine Schuld der Verhafteten. Mitton soll sich bei einem Verhör geäussert haben: « Die Pfarrer sind es, welche die ganze Sache betreiben ». Man glaubt übrigens, dass die Untersuchung zum 1. April abgeschlossen werden soll. Ich habe auch von Mme Rossé und von Mlle Zink Nachricht, degleichen von M Keppi – Union. Diese Briefe und dann die Zeitungen helfen mindestens in etwas über die trübe Zeit hinweg. Gestern las ich in einer Ecke der Zelle: « Noch eine Nacht in diesem Haus und morgen geht’s mit Freuden raus! » Hoffentlich können wir auch bald so sagen.

Wie erstaunt war ich, als Abends mit Büchern und Post noch ein allerliebstes Blumensträusschen in die Zelle kam. Leider konnte ich die Schrift nicht erraten. « Diese Blumen bringen unsere Grüsse ». (Sie kamen von Strassburg, von Unbekannt!!)

Unsere Absperrung ist immer noch scharf. Abstand mindestens 15 Schritte wenn man sich gelegentlich im Gang sieht. Dabei vermeidet man sorgfältig, mich mit Fasshauer oder Rossé zusammentreffen zu lassen. Schweitzer, der in der gleichen Etage liegen muss, habe ich im Gang en passant ein oder zweimal grüssen können.

Nachts geht’s jetzt etwas besser aber ein ständiges Ohrensausen beängstigt mich.

 

15/3.

Zu der Mitte des Monats wären wir glücklich angelangt ohne auch nur verhört worden zu sein. Mein Aufseher glaubte auf eine Frage andeuten zu müssen, dass dies nächste Woche geschehen könne. Andererseits muss es sich ja entscheiden bis Ende der Woche, ob in der Kammer ein Amnestieprojekt für die politisch Verurteilten zu erreichen ist. Da das Gesetz gegen die Autonomisten mit dem famosen Bericht Cantru(?) ebenfalls noch erledigt werden soll, kann es ja interessante Debatten – oder einen grosszügigen Verrat geben!! Die Haltung der Abgeordneten muss man sich merken.

Übrigens war Klein heute hier, konnte mich aber nicht sprechen mangels Zeit. 7 oder 8 Haftentlassungen erwartet man für nächste Woche und mein Verhör dürfte am Montag beginnen. Es muss sich also wie ich heute morgen schrieb in den nächsten Tagen manches entscheiden!

Hélène mit Marguerite kamen heute wieder. Marguerite blüht von Tag zu Tag mehr. Ich freue mich unbändig wenn ich daran denke, dass der kleine Käfer den ich kaum gehen lernte nun schon so lieb sein kann. Es hat die Augen seiner Mutter und doch glaube ich wieder meinen Blick. Aber wie ich nun so verwildert aussehe und das Kind von Tag zu Tag sich entwickelt und neue Eindrücke in sich aufnimmt so will es mich gar nicht mehr kennen. Wenn ich nur wieder daheim bin, so wird alles wieder sich machen. Gott sei Dank ist Hélène guten Muts und ich bin sogar stolz zu sehen, wie energisch es nun alles anfasst. Hélène war übrigens heute sehr optimistisch. Die Blumen die wir erhielten kamen von Strassburg. Von wem weiss ich noch nicht.

Adv. Klein will morgen oder übermorgen mit mir sprechen. Auf das Ergebnis bin ich gespannt.

In der « Humanité » kündigt heute Mürschel seine Kandidatur für den Kreis Colmar an. Holl – Colmar muß zurückgetreten sein. Wenn die Sozialisten zurückgehen und Mürschel Rossé seine Stimmen im 2. Wahlgang zuführte, könnte R. gewinnen. Ich habe heute seiner Frau einen Brief gesandt. Abends auch an Mlle Zink geschrieben.

 

16/3.

Prächtiges, wenn auch kaltes Frühlingswetter. Ich friere immer noch an den Händen, was mich am Schreiben arg behindert. Habe trotzdem einen Eisenbahnerartikel für Kurier geschrieben.

Bis jetzt ist allerdings noch keiner im K. erschienen. Ich werde jetzt nichts mehr senden bis nächste Woche. Sonst das alltägliche; zum ersten Mal wurden heute die Bettücher gewechselt!

Vom Bahnhof erhielt ich Bescheid wegen Abonnement. Dem Gesuch muss Abonnement und Bescheinigung beiliegen. Muss also morgen Hélène fragen, wie es mit der Karte steht (telephonieren!)

In der « Revue scolaire » wird eine Beamtenkandidatur gemeinsam mit den Cheminots angeregt. R! Oberle unterzeichnet.

Die « Flèche Mulhousienne » gibt eine Sondernummer für die Kandidatur Silbermann heraus. Das Programm der wirtschaftlichen Vereinigung ist verwaschen und leicht zu widerlegen. Morgen zitiert übrigens Grumbach M Jacob vor die Strafkammer.

 

17/3.

Eine neue Sensation! Ricklin verhaftet – Das Erscheinen des « Neuen Elsass » untersagt. Terror ohne Ende! Die Diktatur feiert also weiter Triumphe! Der Presse ist noch nichts zu Ohren gekommen über die Handlungen, die man uns vorwirft.

Adv. Klein besuchte mich heute. Ich hatte meine Zeitungen noch nicht erhalten und war ganz baff. Meine Vornehmung ist auf Dienstag 20. März angesetzt. Da mir natürlich keinerlei staatsgefährdende Handlungen vorgeworfen werden können, so wird man über die Organisation des H.B. von mir Auskunft verlangen und dann event. Denunziationen des jungen Riehl vorbringen auf die ich wirklich gespannt bin.

Da die Entlassung der Kommunisten aus dem Gefängnis verweigert wurde mit der Begründung, dass man sie nicht anders behandeln könne wie die übrigen Bürger, so nehme ich an, dass die Regierung an die Autonomisten dachte, deren Freilassung für zu früh angesehen wurde. Klein wiederholt allerdings, dass ein Teil nächste Woche freigelassen würde da man absolut keinen Anhaltspunkt habe zu einer Anklage. – Ricklin wurde eben spazierengeführt, konnte mich aber nicht sehen als ich beim Hof durchging.

Die « Humanité » veröffentlicht übrigens heute einen Aufruf an das Els. Lothr. Volk und einen scharfen Artikel über die Behandlung der Autonomisten in Mülhausen (Gefängnis).

Mittags war Hélène mit Alice da. Beide hatten Marguerite an der Hand mitgebracht. Hélène war wieder ganz niedergeschlagen wegen der neuen Verhaftung. Es hatte mich bereits in Freiheit gesehen und war so optimistisch geworden nach seiner letzten Visite. Armer Schatz! Die kennt die Schliche der Justiz und der Diktatur noch nicht. Dazu noch der barsche Wächter und trotz seiner Anstrengung sie zurückzuhalten flossen die Tränen reichlich. Und ich armer Tropf musste machtlos hinter doppeltem Gitter dem allem zuschauen!

Ich suchte zu trösten, soweit man eben unter solchen Umständen trösten kann und zum ersten Mal gab Hélène sodann Obst und Backwerk ab, die ich Abends auch bekam.

Die Apfel sind mir sehr lieb denn meine Verdauung lässt in letzter Zeit zu wünschen übrig. Wachholderbeeren, die Helene gebracht, wurden mir allerdings nicht ausgehändigt. Der Infirmier hat sich heute auch wieder einmal um meine Finger bekümmert.

Das Wetter ist wunderschön. Konnte heute auf der Gegenseite (Sonne) spazieren gehen und habe an verschiedenen Fenstern Bewegung bemerkt.

Zu der heutigen Nummer brachte der « Kurier » auch die Besprechung des Buches von R. Schickelé, das Erbe am Rhein. Leider auch zum dritten Mal den gleichen Artikel über Kleinbauerkongress in Strassburg (Cliché-Mülhausen)

 

18/3.

Sonntag Laetare – der 4. Sonntag im Gefängnis! – Vormittags habe ich mich wieder einmal rasiert. Auf das Baden musste ich wegen Zahnweh und der Finger verzichten. Wie mir Hélène sagt, kann oder will Dentiste Biéry nicht kommen. Ich weiss nicht, ob er Angst hat. Er gibt aber an, dass er das zur Wurzelbehandlung notwendige Gerät nicht herbringen kann. Also abwarten! Er will mir schreiben deswegen.

Draussen ist herrliches Frühlingswetter und man hört die Spaziergänger durchgehen. Dazwischen aber auch die eintönigen Glockenschläge die mich wahnsinnig machen würden, wenn ich keine Beschäftigung hätte. Kaum ist der Ton der Glocke vom Amtsgericht verklungen, so beginnt die Glocke der Anstalt zu schlagen und ehe man sichs versieht schlagen die beiden Viertelstunden wieder. Und wenn man in die Höhe sieht, so kann man kaum 1 Quadratmeter Himmel betrachten durch das Gitter hindurch.

 

19/3.

Vormittags bei Dr Brazis wegen meiner Finger. Eine weisse Pomade wird nun darauf gelegt. Das Wetter verfinstert sich wieder, es gibt im Laufe des Tages noch Regen.

Mittags kam Hélène mit Wäsche. Am Landgericht scheint Hochbetrieb zu herrschen. Dr Haegy (von Hélène nicht erkannt) wurde vernommen und desgl. Abbé Zemb – Ensisheim. Ich bin ja gespannt darauf, was eigentlich bei meinem Verhör herauskommt.

Seit 3 Tagen verlange ich nun vergebens den Haarschneider. Der Wächter Siegel scheint sich einen Vergnügen daraus zu machen, mich extra warten zu lassen. Er wird es nicht fertig bringen, mich zu ärgern.

Heute gehts früh ins Bett, damit morgen der Kopf klar ist!!

 

20/3.

Das erste Verhör! Es dauerte von 10-12 und 15-20 Uhr. Ich habe ein besonderes P.V. aufgenommen und sämtliche Fragen und Antworten notiert. Ausser Denunziationen von Riehl wird mir nichts vorgehalten. Mitton will einfach erzählt haben, was ich über die H.B.-Bewegung weiss. Abends 18 Uhr brachte er dann endlich die phantastischen Denunzietionen Riehls u.a. ich hätte mich bereit erklärt, von ihm deutsches Geld anzunehmen und habe ihm im Vertrauen mitgeteilt, dass ich eine Kiste Waffen zur Verteilung bereit halte. Ganz im Vertrauen hat Riehl das von mir erfahren!!!? Welch ein Verbrecher dieser Riehl! Ob er wohl überhaupt normal ist??

Das Verhör ging übrigens ganz gemütlich vonstatten, war sogar oft von privaten Diskussionen und Unterhaltungen unterbrochen, an der Mitton, Me Schenkbecher (?) (dieses Fragezeichen im M.S.’s Text) von der Etude Dr Jaeglé und ich teilnahmen über die Assimilationsprobleme, Lage der Elsässer beim Militär, Verhältnis der Beamten der beiden cadres (hier hielt mir Mitton vor: Les fonctionnaires de l’intérieur sont beaucoup moins nombreux que les Alsaciens.

Moi: Les chefs sont toujours moins nombreux que les subordonnés n’est-ce pas ?

Mitton: Naturellement !

Moi: Eh bien justement, les fonct. de l’intérieur venus après l’armistice ne sont que des chefs!

Mitton wetterte gegen die lokalen Gesetze die nicht besser seien wie die andern. Ich hielt ihm entgegen, dass ich wohl die Möglichkeit sehe, das Gute der lok. Gesetzgebung auch im Innern anzuwenden und so zu einer gleichmässigen Gesetzgebung zu gelangen. Mitton: Deutsche oder franz. Gesetze, sonst gibt es nichts.

Mitton sagt wir hätten das Malaise verursacht und gezüchtet. Ich antworte: Dann hat sich aber Poincaré im Senat schwer getäuscht, als er vor 8 Tagen erklärte, dass die Verwaltungen Dummheiten auf Dummheiten machen und nichts, absolut nichts verstehen! …

Mitton lobt den franz. Code pénal und die Untersuchungsvorschriften. Nachdem er mit meinem Advokaten längere Zeit diskutiert hat bemerke ich ihm, dass leider der franz. Code pénal eine wichtige Bestimmung nicht kennt – Mitton: Laquelle? Stürmel: la responsabilité financière de l’Etat et de l’instruction pour les arrestations non motivées ! Mitton: Oh, si vous croyez que cela existait autrefois ! Advokat: Ah si ! il y a bien des cas où l’on était obligé de dédommager les victimes de l’instruction. Mitton: Eh bien ! Savez-vous ce que je ferai ? Je n’arrêterai plus personne !!

Mitton sagt, es gibt Leute die erklären, man hätte am Waffenstillstand die innerfranzösische Gesetzgebung sofort en bloc einführen sollen, dann hätte es kein Malaise gegeben. Ich lächle und zucke die Schulter!

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Ausser dieser Denunziation eines Lockspitzels keine Anklage gegen mich und trotzdem sitze ich nun bald 1 Monat in Isolierhaft! Es ist genau wie 1914 als der Vater auf Denunziation eingesteckt wurde und heute leben wir im 10. Jahr nach dem Waffenstillstand und im 9. Jahr der Befreiung (liberté).

Es muss doch noch eine Gerechtigkeit geben!!!

 

Fortsetzung

 

20/3.

Da Hélène um 2 ½ Uhr mit Ernest kam, so konnten wir im Gang des Landgerichts miteinander sprechen ohne « Gitter ». Leider nur einige Minuten. Die Gendarmen und insbesondere der Greffier (Vonfeld aus der Vogelstrasse) waren sehr entgegenkommend.

Es war 8Uhr vorbei, als ich Abends in der Zelle wieder ankam. Auf dem Tischchen standen kalte Makaroni und Fleischsalat. Surveillant Siegel nach Aufmunterung durch surveillant Freitag fand sich bereit, mir das Essen aufzuwärmen. Das Verhör hatte mich müde gemacht.

 

21/3.

Heute kommt Solveen und anschliessend Mme Fasshauer ins Verhör. Am 22. dann Schweitzer und am 23/3. Vorm. vielleicht Brogly als Zeuge und dann Nachm. Rossé und am 24/3. nochmals Rossé. Nächste Woche ist die Reihe an Fasshauer.

Um 2 Uhr war Adv. Klein hier. Ich habe ihn über das gestrige Verhör aufgeklärt. Riehl muss unbedingt vor die Geschworenen kommen. Die französischen Advokaten sind empört über solche Machenschaften!

Hélène kam um zu erfahren, wie die Sache gestern ging. Als ich erzählte, dass R. von Waffen und deutschem Geld geflunkert hatte, war das arme Lieb ganz untröstlich. Ich vermochte nur mit Mühe die Tränen zu verscheuchen. Hélène ist doppelt untröstlich, weil es in Anbetracht der Wirklichkeit schon glückliche Hoffnung auf baldige Freilassung gehegt hatte. Gott sei Dank, dass bis in 10 Tagen die Sache abgeschlossen werden muss. Bis dorthin gibt es dann noch eine Gegenüberstellung mit Riehl auf die ich sehr gespannt bin.

Von Abbé Lehmann erfuhr ich heute, dass Kraehling die Kandidatur angenommen und dass gegen das Vorgehen Silbermann allgemein protestiert werde. Die Avant-Garde habe ihn ausgeschlossen. Wollen nun abwarten was kommt. Ich habe ihm auch von den Denunziationen Riehls erzählt.

22/3.

Heute wäre also Schweitzer im Verhör, den ich gestern Nachm. im Gang gesehen. Auch Hauss sah ich en passant. Sein Gruss war wohlgemut. Fasshauer ging an mir vorbei ohne mich infolge seiner Kurzsichtigkeit zu kennen!

Mittags war Hélène im parloir wegen meinem Abonnement. Beim Vorgehen sah ich Mme Rossé das Gefängnis verlassen. Hélène ist arg niedergeschlagen und weint. Marguerite ist seit gestern krank und will keinen Tee nehmen. Hat Durchfall und weh in den Gedärmen. Hoffentlich ist es nicht schlimm. Hélène hat mir Äpfel gebracht, die vorzüglich schmecken und meinem Magen, der nicht richtig verdaut, Linderung verschaffen.

 

23/3.

Freitag nach einem Monat!! Morgen ist es genau ein Monat. Heute habe an Klein geschrieben wegen Riehl und Hélène wegen einem Aequit den die Regie zurückverlangt. Sodann in der Zelle ein wenig aufgeräumt. Die Post kommt wieder mit starker Verspätung und am Abend war die Erbsensuppe arg angebrannt.

Draussen herrscht wieder warmes Wetter und der Aufenthalt im Freien war heute eine Wohltat.

Von Frl. Zink habe ich heute einen Brief erhalten. Frl. Honegger ist wieder gesund. Meine Artikel sind angekommen, haben aber bis jetzt keine Verwendung gefunden wie ich merke. Bin gespannt wie der Els. Bauer aussieht!

Ich freue mich auf den morgigen Besuch von Hélène. Hoffentlich gibt es gute (?)

 

24/3.

Mit Hélène kam Pa und auch Marguerite ist wieder wohlauf denn es war noch nie so zutraulich wie heute. Ein Brief wegen Abonnement ist wieder eingetroffen. Sonst nichts Neues. Hélène war Gott sei Dank heute nicht so niedergeschlagen wie das letzte Mal. Am Montag bringt es Wäsche. Besuch nur kurz, da viele Besucher.

Beim Heruntergehen erneut mit Fasshauer zusammengetroffen, der mich heute erkannte. Er wird heute oder am Montag ins Verhör kommen. Die Humanité brachte heute eine Photo von Richert(?)-Brumath. Ein Skandal!!!

 

25/3.

Sonntag! Von 1/28-1/29 im Hof. Dann habe ich im grossen Messbuch gelesen da wir doch nicht in die Kirche dürfen. Nachher die Zeitungen klassiert und Nachm. für Els. Bauer Material gesucht.

Die Sonntage sind am langweiligsten weil alles ruhig und das Essen früher verteilt.

Nachmittags habe ich mich rasiert. Der Wächter äusserte, dass man einmal höre ich würde freigelassen und dann wieder ich käme nach Colmar mit den andern. Ich antwortete, dass man bis in 14 Tagen Bescheid wissen werde.

Punkt 9 Uhr zusammengepackt um meinen Strohsack herzurichten!

 

26/3.

Ein grauer Himmel blickt in meine Zelle. Es hat geregnet. Ich war noch selten so unruhig wie in diesen Tagen. Diese Woche muss es sich ja entscheiden, ob man den Worten eines Verleumders mehr Glauben schenkt als meinen Erklärungen. Ich müsste, wenn es mit rechten Dingen zugeht, unbedingt entlassen werden. Solange Ricklin nicht verhaftet war, bestand die Möglichkeit, dass Schweitzer oder ich als Geisel für die Zuständigkeit behalten werden. Jetzt fiele dieser Grund weg. Von der Gegenüberstellung mit Riehl habe ich noch nichts gehört.

Ein humorvoller Zwischenfall ereignete sich heute Nachmittag beim Spaziergang. Ich wurde von einem beschaulichen, älteren Wächter hinuntergeführt und aus Versehen in den Hof an der Hoffnungsstrasse gelassen, den ich nie betreten darf, vermutlich wegen dem gegenüberliegenden Hause Kraehling. Nach 10 Minuten bemerkte er mit heillosem Entsetzen das Versehen und frug mich zunächst, ob mir dieser Hof nicht verboten sei. Ich musste natürlich lachen und sagte, dass ich meistens auf der andern Seite sei. Plötzlich schloss er die Türe wieder auf und holte schleunigst meinen Kollegen auf die Südseite. Mich selber beförderte er auf die Nordseite mit der Bemerkung: Sie müssen ein ganz schlimmer sein! Wobei allerdings ein heimliches Lachen um seine Mundwinkel zuckte… So leben wir!

Hélène brachte Wäsche. Marguerite wächst von Tag zu Tag und ist ein liebes Schmeichelkätzchen geworden. Heute ist anscheinend Kohler im Verhör. Ich frage mich, ob die übrigen nun fertig sind oder nicht. Bis am Samstag müsste sich entscheiden wer nach Colmar kommt und wer freigelassen wird. Hoffen wir das Beste.

 

27/3.

Ein langweiliger Tag. Die esrten Zeitungen seit Samstag kamen an. Es fehlte der Kurier vom Montag. Eisenbahn-Verwaltung ist bereit, auf mein Abonnement 372,50 frs zurückzuzahlen. Habe an Hatsch geschrieben wegen Versuch zur Verlängerung. Das Wetter ist wieder kalt und unfreundlich, was seine Rückwirkung auf die Temperatur der Zelle hat, die jetzt überhaupt nicht mehr geheizt wird.

Heute Abend findet in Mariahilf eine grosse Parteiversammlung statt, die gestern erst im Echo angekündigt wurde. Kandidatur K? Am Samstag wurde Grumbach mit seiner Klage abgewiesen. Welche Blamage für die Sozialisten. Jacob wurde durch Me Marx verteidigt während Grumbach Me Schwob bestellt hatte. Grumbach hat sich elend hereingelegt und glaubt wohl immer noch an seine Wahl!!

Habe heute wieder Beitrag zum Els. Bauer abgesandt.

 

28/3.

Heute Vormittag eine ganze Stunde im kalten Hof. Mitton lässt nichts von sich hören. Hoffentlich kommt Klein bald wieder, damit es etwas Neues gibt. Bis Ende Woche muss man sich halt gedulden. Ich bin gespannt wie ein alter Regenschirm, wen man eigentlich behalten und nach Colmar spedieren will!? Wenn einmal die Entscheidung gefallen, dann ist man auch wieder ruhiger weil man weiss woran man ist. Der „Nouvelliste“ vom Montag brachte eine interessante Notiz. Anscheinend hat man überhaupt kein Anklagematerial gegen die anderen Verhafteten so wenig wie gegen mich.

Hélène kam mit Marguerite. Konnten ziemlich lange plaudern. Ich habe leider nichts Neues gewusst und Hélène war niedergeschlagen, da es im Kurier von heute las, dass am Samstag Freilassung einer gewissen Zahl von Personen erfolgen soll und nun immer noch nicht gewiss ist, ob ich dabei bin oder nicht.

Die Versammlung der Partei ist auf Donnerstag vertagt worden. Ricklin wurde heute Riehl gegenübergestellt und anscheinend auch das Verhör Fashauer abgeschlossen.

 

29/3.

Die Advokaten haben immer noch nichts von sich hören lassen. Ich weiss nicht, ob ich dies in gutem oder schlechtem Sinne auslegen soll. Ob überhaupt noch eine Gegenüberstellung mit Riehl diese Woche stattfindet?

Die Haftentlassung soll am Samstag Mittag stattfinden und morgen ist bereits Freitag. Wie mir ein Aufseher versichert, waren übrigens heute Advokaten hier. Es ist mir umso unerklärlicher, als ich ja Me Klein noch geschrieben hatte.

Ich konnte nun selber die Notiz im Kurier lesen und auch die von den N.N. gebrachte Mitteilung, dass auch gegen Dr Ernst-Berlin ein Haftbefehl ausgestellt worden sei. Da steckt gewiss auch wieder Riehl dahinter, der sich gegenüber Brom rühmte, mit Ernst in Verbindung zu stehen. Ausserdem wird jetzt plötzlich der Phoebus-Skandal in Berlin mit den Autonomisten in Verbindung gebracht, also nicht mehr die Millionen von Roechling!!! Es frägt sich nur, ob Stresemann nicht reagiert da Reichskanzler Marx in die Affäre hineingezogen wurde, der angeblich einen Bericht deswegen abändern liess.

Die Colmarer Verhandlungen können wirklich interessant werden!

Wie die Presse meldet, sollen die in Haft verbleibenden übernächste Woche nach Colmar transportiert werden. Hoffentlich muss Hélène nicht noch nach Colmar fahren.

Ich weiss zur Zeit nicht was tun. Es hat mich eine Erregung erfasst, so dass ich mit allen Mitteln versuchen muss aus der Zelle zu kommen oder in derselben herumlaufen bzw. den Aufseher rufen zu irgendwelchem belanglosen Zweck. Ich begreife jetzt, wie Leute, die eine Bluttat oder dergleichen auf dem Gewissen haben hier vom Wahnsinn erfasst werden können. Ich bin kaum in der Lage ein paar vernünftige Zeilen zu schreiben und beim Lesen sind meine Gedanken im Nu daheim oder bei dieser elenden Komplottaffäre. Wenn ich den gaunerhaften Riehl hier hätte, würde ich ihm links und rechts um die Ohren hauen, denn mehr verdient er nicht.

Das Wetter war heute wieder besser. Solveen hat heute Besuch bekommen, wie ich im Gange bemerkte. Wir haben uns „en passant“ gegrüsst. Es lässt anscheinend keiner den Kopf hängen.

30/3. Freitag

Ein schöner Frühlingstag aber in der Zelle bleibt es trüb und kalt. Habe versucht das Fenster längere Zeit offen zu lassen. Als ich vom Schemel aufstand hatte ich Rückenschmerzen, da ein Luftzug durch die Zelle ging bei der undichten Türe. Ich musste stundenlang herumlaufen um wieder aufrecht gehen zu können.

Mittags Besuch von Hèléne, das zur Zeit ängstlich auf Nachricht hofft und Freilassung. Die Zeitungen, die ich heute vom Donnerstag und Freitag zugleich erhielt, schreiben vom Samstag d.h. Morgen.

 

31/3.

Man hat sich um einen Tag geirrt. Erst am morgigen Sonntag soll sich die Sache Entscheiden. Hélène brachte mir die Zeitungsnotiz, dass morgen die Anklageschrift bekannt gegeben wird und dass nur 8-10 entlassen werden sollen. Also wieder weniger. Warten wir also ab, was uns der Sonntag bringt. Sicher ist, dass morgen der Greffier vom Gericht herkommt und dass nur 3 Wächter über Sonntag frei bekamen. Hoffen wir also das Beste!

Siegel war heute ganz verklärt. Brachte mir sogar das Rasierzeug auf das ich sonst 8 Tage warten musste, unaufgefordert in die Zelle. Ich erfuhr allerdings nachher, dass er Sonntag Abend für 3 Wochen in Urlaub fährt. Daher wohl die gute Laune. Zum Übrigen regnet es heute den ganzen Tag in Strömen.

Beim Holen der Besuchserlaubnis hat Hélène den Greffier gefragt, ob es noch vielmals kommen müsse. Er hat darauf mit „Nein“ geantwortet aber man weiss nicht, wie dies auszulegen ist. Edouard hat H. begleitet. Zu Ostern wird Verlobung gefeiert und da soll ich unbedingt dabei sein!

Da Mitton von einer Gegenüberstellung mit Riehl sprach und diese nicht stattfand, andererseits aber bis Morgen die Anklageschriften fertig sein müssen, so gibt es nur noch 2 Möglichkeiten: Entweder man hat meinen Aussagen glauben geschenkt und erachtet eine Gegenüberstellung für zwecklos oder aber man versucht den Eindruck der Verleumdungen Riehls nicht zu verwischen und baut darauf die Anklage auf. Es frägt sich dann noch, ob bei einer Freilassung das Gericht mich als Zeugen ladet.

Im Grunde genommen habe ich gute Hoffnung und sehe mit Ruhe den kommenden Ereignissen entgegen.

1/4. 28

Es muss etwas dazwischen gekommen sein. Der heutige Sonntag (Palmsonntag) ging vorüber, ohne dass ein greffier sich sehen liess. So wird es wohl erst in den ersten Tagen der Woche hell werden!

Draussen regnet es in Strömen. Ich bin aufgeregt und habe ausser der religiösen Lektüre am Vormittag keine Lust zur Beschäftigung. Hoffentlich erträgt Hélène gut eine ungünstige Nachricht, falls sie so ausfallen sollte!

2/4. Montag

Heute Vormittag sind nun die Würfel gefallen. Gegen 9 Uhr wurden 16 Mann (wohl die Hauptverbrecher) im Bureau des Chefs in Gegenwart von Mitton und 4 Greffiers versammelt. Mitton erklärte sodann, dass ein Greffier zunächst die allgemeine Anklageschrift verlesen werde die heute an die Colmarer Anklagekammer abgeht (chambre de mise en accusation) und sodann die Einzelanklageschriften bekannt gegeben werden. Advokaten waren keine zugegen. Mitton erklärte, dass die Unterschrift unter dem Protokoll zu nichts verpflichte und verliess sodann das Zimmer.

Gleich bei Beginn der Lesung lösten ins Auge fallende Unrichtigkeiten grosse Bewegung und verschieden Passagen sogar Heiterkeit aus. Daher stürmte Mitton, der vor der Türe gelauscht haben muss plötzlich ins Zimmer und schrie, dass er keinen Lärm dulden werde, es sei hier keine Wahlversammlung (sic!) und wenn nicht absolute Ruhe herrsche, so lasse er zwei Wärter kommen, um uns zu bändigen!

Leider war es uns nicht möglich eine Abschrift dieser Anklageschriften zu bekommen. Sie war sehr umfangreich und enthielt einen Roman über die Bewegung wie man ihn perfider und willkürlicher zusammengestellt sich nicht denken kann. Im grossen Ganzen ist viel davon bereits im Journal d’Alsace et de Lorraine erzählt worden was nicht wundern kann da der Strassburger Kommissar Bauer (Polizeizeitung) und der Spitzel Riehl die Lieferanten für den Nachrichtendienst waren.

Interessant war aber meine Einzelanklage die ja für mich schliesslich am Wichtigsten ist. Keine Spur mehr von den Waffen und dem deutschen Geld in der Anklage. Ein bezeichnender Umstand. Man hat also dem Riehl doch nicht ganz getraut. Als Konklusion fusst die Anklage auf folgendem Satz: „Dans une de ses lettres celui-ci (Ricklin) invitait ses amis à prendre contact avec „cet homme très sûr et prudent“, souhaitant qu’on se mette vite à l’œuvre dans la meilleure harmonie entre les partisans de la cause.“

De tels éloges de la part du Dr Ricklin suffisent à démontrer la culpabilité de Stürmel“.

Und deshalb muss ich vors Schwurgericht!! Es ist wohl möglich, dass die Anklagekammer in Colmar noch anders beschliesst. Die Blamage wäre zu gross.

Der Anklagetext enthält dann über meinen Lebenslauf folgende Einzelheiten (nur aus dem Gedächtnis, da ich keine Zeit zum Abschreiben hatte)

Stürmel geb. 17.6.1900 von Jean und Christine Louise Ansel. Familie gut französisch.

Dorfschule in Brunstatt besucht und dann Zentralschule (eigentlich war es die Spezialschule da in der Brüderschule kein Platz mehr war) Hat seine Kenntnisse vervollständigt durch Abendkurse und Privatunterricht.

Im Alter von 14 Jahren (eigentlich war es 15!) bei dem früheren Notar Selzer eingetreten und dort verblieben bis 1918, dann mobilisiert und bis Waffenstillstand in der deutschen Armee.

1917 auf Betreiben eines deutschen Lehrers (?!) in die „Jugendwehr“ eingetreten.

1919 erst einige Monate bei der Post, dann Eisenbahn.

1920 beim 5. Génie und 1922 als Sous-Officier entlassen.

1922-1926 bei der Bahn und sodann Sekretär der Eisenbahnerorganisation (falsch, ich war ja nur kurze Zeit Sekretär in Mülhausen und sodann Präsident von Mülhausen und dem Ober-Elsass) dann Sanktionen, Gründung des H.B. Mülhausen etc. etc. etc.

Gegen 12 Uhr war die Sache erledigt. Meine Nachbarn wurden um 1 Uhr entlassen, etwa 10 also und wir kehrten wieder in unsere Zellen zurück!

Hoffentlich fällt es Hélène nicht so schwer. Es hat ja am Samstag eine Vorahnung gehabt! Ich habe übrigens mit noch einigen Personen Aufhebung der Einzelhaft und freie Aussprache mit Frau und Kind verlangt. Ob es wohl gewährt wird?!

Die Angeklagten sind guten Muts, wenn auch teilweise gesundheitlich geschädigt. Wir konnten uns frei aussprechen. Auch Frau Fasshauer war zugegen. Dieser Prozess wäre im Interesse Frankreichs besser unterblieben. Von den deutschen Millionen hört und sieht man nichts. Die Zahlen betr. „Erwinia“ sind willkürlich zusammengestellt. Keinerlei positive Unterlage ist erwähnt und ich frage mich was wohl die Geschworenen hierzu sagen. Es wird natürlich viel von den Advokaten abhängen und von den Zeugen.

Hélène kam nachmittags mit Bébé und in Begleitung von Vater. Mein armes Frauchen hat furchtbar geweint und war ganz unglücklich. Jedes Trostwort war vergebens. Auch Vater hatte Tränen in den Augen als er hinter dem Gitter stand und nicht einmal die Hand geben konnte. Der Wärter hatte noch keine Anweisung und sagte, dass der Chef auf seine Frage geantwortet habe: „pas encore!“ Hélène wird morgen wiederkommen und dann geht es vielleicht besser. Von Colmar hat Mme Rossé meinen Lohn gebracht. Sonst gab es wenig neues und man kann in solchen Augenblicken auch wenig erzählen. Es gelang mir trotz aller Mühe nicht, Hélène auf andere Gedanken zu bringen.

Vater will nachsehen, ob er noch Akten von seinem Verteidiger 1914 finden kann. Ich habe auch Me Klein um Besuch gebeten.

 

3/4.

Nun sind wir weniger zahlreich geworden, aber das alte „System“ geht weiter. Wir sind immer noch „au secret“. Der Aufseher Schlosser wurde abgelöst und wir haben jetzt einen alten, spitzbärtigen Wächter mit pedantischen Manieren. Sehr ängstlich, aber sonst kein übler Mann.

Der Prokureur hat anscheinend zu bestimmen, wann unsere Isolierung aufhört. Dass der nicht pressiert ist kann man sich denken. Der Chef, ein Innerfranzose, der kein übler Kerl ist, wagt wohl selbstständig nichts zu unternehmen. Warten wir also weiter!

Hélène kam heute allein. Vater war beim Advokat (?) gewesen, der die Etude von Adv. Weber übernommen hatte, der ihn im Krieg verteidigte vor den Kriegsgericht. Es sind leider keine Akten mehr vorhanden.

Meine arme Frau ist immer noch so niedergeschlagen. Es geht zwar ein klein wenig besser wie gestern, aber die Tränen kommen immer wieder alles reden hilft nichts. Es ist zum rasend werden! Und alles wegen einem gemeinen Denunzianten!!

Ich habe nun meine Wäsche für Colmar bereit. Ein wenig Hoffnung besteht ja bis Ende Woche noch, wenn die Anklagekammer entscheidet! Viel Hoffnung habe ich zwar nicht mehr.

Abends hörte ich zum ersten Mal die Fastenglocken läuten für die Andacht um 8 Uhr, Hier merkt man von all dem nicht viel. Abbé Lehmann war für einige kurze Augenblicke bei mir. Ich habe Helene bei ihm durchgeschickt, damit es ein wenig Aufmunterung erhält.

Der Chauffeur von Dr R. hat ihm übrigens versprochen vorzufahren, wenn er nach Colmar fahren muss.

4/4. 28

Mein „Wärter“ führte mich 2 Mal am Vormittag in den Hof. Wenigstens ist das Wetter schön. Es hält zwar nicht aber vielleicht kann Hélène, das jeden Tag jetzt kommt, Marguerite mitbringen.

So war es auch am Nachmittag und es ging wenigstens besser wie das letzte Mal. Viel Neues gibt es ja nicht und es kostet mich alle Mühe um Hélène überhaupt zum Sprechen zu bringen.

Adv. Klein war auch hier, versprach mir bei Hélène durchzugehen. Ich habe einstweilen Handkoffer und Aktentasche kommen lassen zur Reisevorbereitung. Vielleicht!! …

 

5/4.

Heute fiel der 2. Würfel. Hélène war nochmals hier und hat mir Orangen gebracht. Ich habe ihm begreiflich zu machen gesucht, was ich zur Verteidigung brauche.

Abends 7 Uhr plötzlich Alarm. Im langen Gang und auf den Treppen standen alle 10 m ein Aufseher und einer nach dem andern wurde in das Bureau des Chefs gerufen um dort von Huissier Forster die Anklageschrift nebst Anlagen in Empfang zu nehmen. Die Anklage war nicht mehr einzeln und im gesamten. Sie umfasste einheitlich für alle 18 Seiten. Dazu noch ebenso viel Schriftsatz; „extrait des minutes de la cour d’appel.“ Jeder erhielt das Ding in die Hand gedrückt und konnte es dann auf der Zelle lesen. Ein historisches Andenken!

 

6/4. 28 Karfreitag

Ich habe meine Verteidigung vorbereitet und dann eine Reihe von Briefen geschrieben. In die Kirche durften wir immer noch nicht. Wenigstens war warmes Wetter und ich hoffte morgen Hélène wiedersehen zu können dem ich für Ostern einen Brief geschrieben zur Vorbereitung für Colmar. Doch das Unglück schreitet schnell! Kurz nach 6 Uhr konnten wir unsere Kontis quittieren mit dem Bescheid: Morgen früh geht es nach Colmar! Bums –

Allerdings bin ich bei der Kantine um einige 30 frs beschummelt worden. Ich konnte es mir nicht erklären. Hätte ich reklamiert, so hätten die beiden Buchführer bezahlen müssen: Beide kannte ich. Der eine Johann war der Neffe eines früheren Arbeiter meines Vaters, der andere Hofer war ein früherer Eisenbahner. Beide hatten einige Dummheiten gemacht. Johann hatte Hafer gestohlen beim Militär, der andere aus Brunstatt unterschlug Frachtengelder. Ich habe auf das Geld verzichtet!

Morgen früh wird uns also ein Autobus nach Colmar transportieren!

7/4.

Um ½ 5 Uhr gings raus. Die alte Wäsche konnte ich noch hier lassen, von den Büchern wollte kein Mensch etwas wissen. Ich war also beladen wie ein Lasttier. Nach Erfüllung aller möglichen Formalitäten, Aushändigung von Schuhriemen und Hosenträgern etc. etc. nahmen uns eine halbe Kompagnie Gendarmen und ein Autobus von der Cie. von Niedermorschweiler in Empfang. Alle waren frohen Muts und die Gendarmen sehr entgegenkommend. Es waren sogar Bekannte darunter.

Aber es ging nur bis zum Bahnhof, wo wir um 6 Uhr landeten, von dem wenigen Publikum stillschweigend begrüsst. Ein Wagen des Personenzugs der 6h20 abfuhr war uns reserviert. Absperrung war aufgehoben, die Fahrt kurzweilig und prächtiges Wetter über Rheinebene und Vogesen. Goldiger Frühling!

In Colmar grosses Halloh! Gegen ½ 8 Uhr treffen dort die Talzüge ein und eine Masse Menschen betrachtete uns mit Interesse. Kein feindlicher Ruf, im Gegenteil beim Einsteigen in den Autobus neben dem Postamt 2 lebhaftes Winken der Bekannten. Gendarmeriekommandant Peinturet nahm uns selber in Empfang und dann gings los: durch die rue Poincaré, den St. Peterwall, beim Ostmarkt durch nach der Augustinergasse. Wir waren am neuen Bestimmungsort angelangt.

Es herrscht hier eine andere Temperatur wie in Mülhausen. Alles freundlicher und entgegenkommender. Der Chef ist ein Elsässer der lange Jahre in Hagenau mit dem Vater von Schweitzer zu(?) war. Auf unsere fiches steht nun endlich „Régime politique“. Die Zelle ist wärmer (Linoleum), wir haben regelrechtes Essgeschir mit Besteck, Messer und Glas etc. Wir konnten alles behalten bis auf die Uhr. Das Geschirr wird uns gewaschen und das Bett gemacht, soweit es nötig ist. Man hat sich sofort nach unseren Wünschen erkundigt und wir können über den Wechsel zufrieden sein.

Hélène hat jetzt leider einen weiten Weg. Ich konnte meine Briefe auch erst hier aufgeben. Es mag wohl Tränen gegeben haben bei der plötzlichen Nachricht. Aber hoffentlich kommt es am Montag hier durch und dann wird ja die Absperrung nicht mehr so schlimm sein. Ich habe schnell noch einen Brief geschrieben.

 

8/4. 28

Ostern in Colmar!! Ich habe wenn nicht gut, so doch besser geschlafen wie in Mülhausen. Das Bett ist ganz frisch zubereitet und konfortabler. Um 7 Uhr wurde der Kübel geholt! Gegen 9 Uhr kam bereits der Chef mit einem Herrn vom Parket um sich nach unsere Reklamationen zu erkundigen. Es wurde Kirchgang und Aufhebung der Isolierung verlangt, das will er Fachot vortragen. Er hat also jetzt über uns zu bestimmen und von ihm wird das schöne Wetter gemacht.

Gestern war der Gerichtspräsident hier (mit seinem mir bekannten Greffier Ricard) um die Vorladung vor das Schwurgericht zu notifizieren. Wir haben nun 5 Tage Zeit um Einspruch zu erheben. Ich beabsichtige nach Rücksprache mit dem Advokaten Protest einzulegen gegen den Wortlaut der Anklageschrift. Auch mit der Aufstellung der Zeugenliste habe ich mich beschäftigt.

Vormittags statt in die Kirche zu gehen, konnte ich aus Schotts Messbuch die Ostermesse lesen. Es darf jeweils nur einer in die Kirche! Traurige Ostern.

In der Frühe brachte die Heilsarmee ein Ständchen und gestern erhielten wir auch 2 grosse Illustrierte Zeitungen von unbekannter Hand zugestellt.

Mittags durften wir in die Vesper. Der Herr vom Parquet hat sich als ein Delegierter des Justizministers entpuppt, der im Gefängniswesen eine gewisse Rolle spielt. Er kam Abends nochmals durch und versprach sofort nach Ablauf der 5 tägigen Einspruchsfrist für weitgehende Erleichterungen Sorge zu tragen.

Die Vesper wurde von Abbé Dussourd gehalten. Jeder musste sich in eine andere Bank stellen. Sträflinge und Personal haben Augen gemacht!

Die Behandlung durch das Personal ist viel besser wie in Mülhausen und der Chef ist ein sehr anständiger Mensch.

Abends habe ich eine vorläufige Liste der Zeugen aufgestellt. Rossé will 86 laden dazu ich noch etwa 10 von Mülhausen.

 

9/4.

Ostermontag; Um 8 Uhr Gottesdienst. Chef leitete selber die „Operation“. Die Mehrzahl der Verhafteten beteiligte sich. Ricklin fertigt zur Zeit sein Wahlmanifest an für Dammerkirch. Er kandidiert nun extra und wenn er nicht die Majorität erhält, so werden die zahlreichen Stimmen doch Eindruck machen!

Eine Entdeckung! In meiner Klause sind Wanzen! Der Chef und der Delegierte des Justizministers durften die beiden gefangenen Exemplare bewundern. Sie hatten sich auf die Wasserschüssel der Heizung gewagt und sind beim Schwimmbad ertrunken! Nun musste ich für 2 Tage in die Stube des Coiffeurs ziehen und meine Zelle wird mit Schwefel desinfiziert. Hoffentlich hilft dies! Ich bin nun in der Zelle No 6 installiert statt in Nummer 22.

Mittags konnte ich ½ Stunde im sauberen aber etwas stinkenden Hof spazieren, bei warmer Temperatur. Helene scheint vorgezogen zu haben erst Morgen zu kommen. Vielleicht war das Gericht doch geschlossen und hoffentlich hat Helene zuerst hertelefoniert. Es wäre allzu traurig gewesen, wenn die Reise umsonst gewesen wäre. Wegen der Absperrung wurde ich auf später vertröstet.

Die Schwester der Infirmerie, eine junge freundliche Person suchte mich auf, um meine Finger mit Jodtinktur zu behandeln. Sie war erstaunt mich hier zu finden statt in No 22 und frug auch bis wann „diese Geschichte“ wohl aufhört! „Am 8. Mai entweder frei oder nach Ensisheim“. Sie wollte das letzte nicht glauben. Möge sie recht haben!

Habe heute ein Schreiben von Marc Sangnier und eine Karte von Mme Rossé aus Strassburg erhalten.

10/4.

Kurier brachte heute Bericht über unsere Ueberführung, der Unrichtigkeiten enthielt. Den Hetzblättern muss es ungemütlich werden.

Hélène kam heute Mittag zu Besuch und war ganz glücklich, dass die Absperrung aufgehoben. Wir konnten längere Zeit plaudern und meine Frau war ganz froh, trotz aller Mühen und Hindernisse. Es musste hier zuerst an den Appellhof, dann auf die Sous-Préfecture und dann hierher.

Mein Schatz hat mir einen schweren Osterhasen und einen Kugelhopf gebracht. Wir leben jetzt bald „wie Gott in Frankreich“! Das nächste Mal kommt Bébé mit, das muss munter werden!

Wie es scheint, beabsichtigt man uns in einen Saal zu machen sobald die Isolierung aufgehoben ist. Fachot ist allein noch dem hinderlich im Wege. Der Pariser Delegierte hätte es uns schon gewährt.

Auch in der Zelle 6 sind Wanzen! Es hat sich schon eine das Leben genommen! Morgen Abend kann ich meine alte Zelle wieder beziehen.

Von den Advokaten hat man noch nichts gehört. Die „Rote Hilfe“ will uns anscheinend Torres, Fournier und Berthon zur Verfügung stellen. Wo bleiben unsere Abgeordneten?!!

 

11/4.

Immer noch nichts Neues. Ich habe heute dem Temps eine Berichtigung gesandt der schrieb ich sei ausgerissen. Desgleichen auch ein Protestschreiben an den Präsidenten Mazoyer wegen dem Text der Anklageschrift (propagandiste séparatiste !)

12/4.

Heute früh kam Me Klein. Die Berufungsfrist lief eigentlich erst heute ab. Wir haben die Affäre eingehend besprochen und die Liste meiner Zeugen und Fragen aufgestellt. Zu der öffentlichen Sitzung können anscheinend die Geflüchteten (Roos, Pink, Hutzel) und die Abwesenden (Schmidlin, Ernst etc) nicht behandelt werden. Diese werden in einer besonderen Sitzung ohne Geschworene behandelt. Ein Theatercoup wäre es ja wenn sie sich zur Verhandlung melden würden.

Die Trennung der Verhandlung nach H.B., Auton. Partei und Wahrheit muss erzwungen werden.

Mittags kam Hélène mit Babi. Es brachte mir auch einen Teil der Zeitungen, Papier, elektr. Birne usw. usw. Marguerite hat mich nicht mehr oder kaum erkannt. Es wollte nicht zu mir kommen. Sonst hat es sich zu einem kleinen, goldigen aber stolzen Käfer entwickelt der furchtlos in der Zelle herumtippelte. Wir durften ungefähr eine halbe Stunde beisamen in der Zelle sitzen. Unter Aufsicht selbstverständlich!! Hélène kommt am Samstag wieder um auch Me Klein zu treffen.

Unsere Isolierung besteht immer noch, weil Fachot sich der Aufhebung widersetzt. Ich habe in letzter Zeit Verdauungsbeschwerden und werde den Arzt konsultieren müssen.

 

13/4.

7 Wochen seit der Verhaftung vergangen. Man hat sich jetzt bereits an Colmar gewohnt und der Zellenaufenthalt obwohl angenehmer wie in Mülhausen ist nicht weniger langweilig. Der Pariser Delegierte, Solvain mit Namen, der Surveillant Chef und oft sogar der brigadier kommen täglich in die Zelle, erkundigen sich nach Wünschen und Beschwerden. Der Chef äusserte mir heute, dass man uns das Zusammenkommen auf die Dauer nicht verweigern wird können.

In Anbetracht des plötzlichen Todes des Bruders unseres armen Rossé habe ich seiner Frau einen Beileidsbrief gesandt. Es wundert mich, ob man ihn zum Begräbnis gehen lässe!

Die neue Zelle riecht immer noch nach Schwefel. Hélène hat mir zur Vorsorge Insektenpulver mitbringen müssen

14/4. Samstag.

Vormittags der übliche Spaziergang im Hof. Von unbekannter Hand trafen heute wieder Zeitungen ein, vermutlich um uns Lektüre für Sonntags zu verschaffen. (Grüne Post, Morgenpost=Berlin und Wiener Neueste Nachr.) Von Hélène erfuhr ich Mittags auch, dass letzte Woche für 7 Mann je 50.- frs. Eingezahlt wurden. Hélène hat mit Me Klein gesprochen, der mich aber heute nicht rufen liess.

Mit Besorgnis hörte ich von meiner Frau, dass die Blutungen der Fehlgeburt sich wieder eingestellt haben. Ich habe darauf gedrungen, dass ein Arzt konsultiert wird.

Die Schwester hat mir heute auch „Bisulax“ gebracht da meine Verdauung nicht funktioniert. Geholfen hats allerdings noch nicht. – Der „Nouvelliste“ hat heute meine Berichtigung an den „Temps“ veröffentlicht!

 

15/4.

Weisser Sonntag: In Colmar ist Erstkommunion und Firmung. Mgr Ruch ist hier und die Glocken läuten beinahe den ganzen Tag. Das Wetter ist prachtvoll.

Wir konnten heute früh beichten und kommunizieren. Unter „Aufsicht“ natürlich! Am Gottesdienst nahmen heute alle Katholiken teil. Mehrere Aufseher achten peinlich darauf, dass ja der Abstand eingehalten werde, mindestens 5 Schritt! Die Messe und die Vesper wurden von Abbé Dussourd, dem Neffen unseres Chanoine gelesen der Anstaltsgeistlicher ist und versprach diese Woche uns aufzusuchen.

Als schönes Geschenk flogen heute die 4 ersten Nummern von „Elsassland-Lothringerheimat“ in die Zelle, was mich daran erinnert, dass ich Hélène schon lange versprach die Zeitschrift zu abonnieren.

Von meiner patisserie, die mir Hélène gestern brachte, habe ich heute ein Stück Rossé gesandt. Derselbe wird gestaunt haben!

Das schöne Wetter im Hof hat halt trotz allem nicht vermocht die Langeweile zu verscheuchen. Da hilft alle Lektüre nichts!

 

16/4.

Fachot besteht immer noch auf Isolierung. Wahrscheinlich wegen der Wahlen. Es haben um die Kandidatur angemeldet ausser Rossé und Ricklin: Hauss(?) für Hagenau, Schall-Strbg II, Baumann=Strbg I. Kurier bedauert diese Kandidaten! (wegen Walter!!)

17/4.

Wenig Neues im Zellenbau. Durch die Presse geht das Gerücht, wie wenn die Verhandlungen auf eine besondere Session mit neuen Geschworenen (Ende Mai) verlegt werden soll. In politischen Kreisen beginnt man sicher nervös zu werden. Dr Roos hat von Basel aus an Fachot geschrieben, dass er sich freiwillig zur Prozessverhandlung stellen werde. Die „France de l’Est“ bringt die Notiz in einem Winkel verborgen und behauptet, die Kommunisten würden die Nachricht verbreiten.

Am 18.4.28 war Hélène hier mit Bubi. Hat verschiedene Sachen und Dokumente besorgen können. In Mülhausen ist man auf den ersten Wahlgang gespannt.

Me Klein hat an Ricklin geschrieben, dass die Pariser Advokaten auf baldige Verhandlung drängen.

19/4.28-20/4.28

Aus den Zeitungen ist ersichtlich, dass der Prozess auf 1. Mai festgesetzt ist. Ob wohl etwas dahinter steckt? Fachot hat selber die Anklage übernommen. Die Liste unserer Advokaten ist noch nicht festgelegt. In den Verhandlungssaal können nur wenige Personen ausser Zeugen, Journalisten und Advokaten. Es ist ein strenger Ordnungsdienst eingerichtet.

Zur Zeit tobt ein wilder Wahlkampf im Land. In Mülhausen hat K. versagt und die Chancen für G. sind stark gestiegen. Im 2. Wahlgang wäre für mich eine Stimmenzählung möglich wenn Hélène dazu käme wie Frau R. sich um die Sache anzunehmen und mit meinen Wahlmachern in Verbindung zu treten. Aber Hélène ist hierzu nicht zu gebrauchen. Es will von einer Kandidatur nichts wissen und ohne seine tatkräftige Unterstützung ist es mir überhaupt unmöglich mit der Aussenwelt in Verbindung zu treten. Warten wir nun das Ergebnis von Sonntag ab – Ich habe wieder Zahnschmerzen und musste den Dentiste kommen lassen.

 

21/4.

Morgens äusserte sich der Gefängnischef sehr skeptisch über den kommenden Prozess. Er wollte nicht glauben, dass er überhaupt so stattfindet wie angekündigt. Ich bin nicht so optimistisch.

Hélène war Mittags hier und meine Ahnung betreffs der Wahl hat sich bestätigt. Hélène wehrt sich mit Händen und Füssen gegen eine Kandidatur. Ich will jetzt abwarten, was die Ortsgruppe und Brogly machen wenn K. nur eine Minorität bekommt. Er hätte unbedingt aktiver sein sollen. Man befürchtet, dass G. im ersten Wahlgang gewählt wird. Ricklin soll im Altkircher Bezirk gute Aussichten haben.

Me Klein war heute ebenfalls hier um mit einer Reihe von uns in Verbindung zu setzen. Er war anscheinend diese Woche schon hier. Auch heute kam er nicht dazu mich rufen zu lassen. Ich werde ihm morgen schreiben und noch 2 Zeugen angeben. Der heutige „National“ schimpft, dass man den Prozess wieder mit einer „Marseillaise“ abschliessen wolle. Briand sei Schuld der Poincaré mit Rücktritt drohe wenn Deutschland mit Dokumenten kompromittiert werde!! Wer lacht da nicht!!! ?

Gegen Kraehling wurde in letzter Stunde ganz gemein gearbeitet. Grumbach bezeichnete ihn in anzüglicher Weise als Malou (Tagblatt Chefredakteur der wegen sittlichen Verfehlungen verschwinden musste) und die Alliance Démocratique veröffentlichte Aussagen von Industriellen, wegen eines Angebots von Me. Koch, dem Rechtsbeistand Kraehlings in der „Sapart“=Affaire wonach Kr. im 2. Wahlgang zurücktritt z. G. Scheer wenn man die „Sapart“ vorher erledige. Die ganze Situation in Mülhausen wurde verdorben und nicht einmal eine Stimmenzählung kann in Betracht gezogen werden, da die Lage nunmehr verwässert ist. Noch viel schlimmer erging es allerdings dem Kandidaten Kulm(?), den sogar die Kommunisten fallen liessen, als sie sahen, dass die Sozialisten ihn in einer Kasinoversammlung ablehnten.

In 48 Stunden werden wir ja heiter sehen.-

22/4.

Heute ist Wahltag. Für wen es Zahltag wird, muss man morgen sehen.

Wir haben hier nichts gemerkt. Vormittags Messe und Nachmittags Vesper waren die einzigen sonntaglichen Ereignisse. Das Wetter ist regnerisch, was wieder zu starker Stimmabgabe anregen dürfte. Es ist uns jetzt mindestens gelungen einen Nachrichtendienst von Zelle zu Zelle einzurichten, der zur Not etwas Unterhaltung in das öde Gefängnisleben bringt.-

23/4. 28

Montag: Der erste Gedanke….. die ersten Wahlresultate!! Wohl selten wurden Zeitungen mit solcher Ungeduld erwartet. Und welches Resultat! Ricklin mit 5100 an der Spitze, Rossé mit über 8000 desgleichen, Walter durch Hauss in gefährlicher Stichwahl, Schall und Dahlet in günstiger Nachwahl, Bilger und Brom gewählt, Brogly an der Spitze. Sozialisten und Demokraten elend hereingelegt. Sieg auf der ganzen Linie! Die Kommentare in der Presse sind äusserst interessant. Diese Woche fällt die letzte Entscheidung!

In Mülhausen hält man Kandidatur Kraehling, die 2000 Stimmen hinter Grumbach zurückblieb aber 500 St. Mehr wie Scheer erhielt, aufrecht. Eine heute tagende Delegiertenversammlung in Mülhausen hat es so beschlossen. Warten wir nun das Resultat ab!

Im Gefängnis ist eitel Freude, allerdings nicht für alle Leute. Fachot soll sofort nach Paris gerufen worden sein wo Poincaré am Sonntag mit Valot eine Besprechung wegen unserer Affaire hatte. In Strassburg fand heute auch eine Sitzung der U.P.R. statt und man schien wieder Kompromisse zu suchen. Die nationale Einheitsfront mit Demokraten und Sozialisten soll an Prestige für die Regierung retten was zu retten ist. Es wird nicht viel nützen!

 

24/4.

Dienstag: Vormittags bekam ich unerwarteten Besuch. Hélène mit Mama und Bébé gingen nach Sultzbach und kamen hier durch. Draussen atmet alles auf und die Zungen lösen sich. In den Lokalen fanden bereits Manifestationen statt gegen Chauvinisten. Viele betrübte Gesichter gabs vor der Mülhauser Agence Havas. Man wagte zuerst nicht die Stimmen von Rossé und Ricklin bekanntzugeben bis es nicht mehr anders ging. Die Lehre war gut.

Adv. Berthon ist in Stichwahl desgl. Faillet in Quimper. Beide an erster Stelle. Adv. Thomas-Saargemünd und vielleicht Dreyfus-Mülhausen werden sich an der Verteidigung beteiligen.

Die Pariser Zeitungen sind über das Resultat sprachlos.

Nachmittags kam Hélène nochmals durch; ich habe ihm noch verschiedene Arbeit aufgetragen. Es will nächste Woche nicht kommen. Wegen der Aufregung.

25/4.

Nun beginnen die strategischen Manöver! Silbermann war dumm genug, sich „pro forma“ doch noch gegen Ricklin aufzustellen. Er wird „erledigt“. Kraehling sollte wohl dafür von den Demokraten unterstützt werden! Gegen Rossé ist nichts mehr zu machen. Hauss wurde heute von Graf Andlau aufgesucht. Vormittags suchte er im Interesse der katholischen Sache einen Zurücktritt zu Gunsten von Walter zu erlangen. Hauss machte ihm seinen Standpunkt klar.

Mittags kam er nochmals. Hauss bekam die schriftliche Offerte. Wenn er zurücktritt, 25000 frs von Walter, Unterstützung der Kandidatur Ricklin durch die U.P.R.!!! + (Präfekt Borromé soll sich zu Andlau geäussert haben, dass ja die Wahl Ricklin und Rossé gesichert sei!!?) Graf von Andlau liess weiter Ricklin rufen und bat ihn auf Hauss einzuwirken.

+ Walter verpflichtet sich weiter sofort und mit aller Energie für die Verhafteten einzutreten! (zu spät!) Hauss liess Keppi herrufen. Zu erwähnen ist, dass Präfekt Boromé dem Grafen Andlau die Erlaubnis erwirkte, ohne Zeugen und ohne Einschränkung mit den beiden Herren zu sprechen.

Unsere Bedingungen: Morgen müssen Walter, Seltz, Brogly und Haegy her. Sämtliche Verhaftete werden zur besprechung gerufen. Hauss legt seine persönlichen Bedingungen vor, die übrigen Autonomisten die ihrigen. Die Wahl von Ricklin, Schall und Hüber müsste gesichert werden. Peirotes und Frey wären so erledigt.

Da wir durch die Fensterluken sprechen, soll Hauss in eine andere Zelle verlegt werden. Er droht mit Hungerstreik! Auch Schall und ich, als Zellen 20, 21 und 22, sollen wechseln. Wir haben einen Streik ins Auge gefasst. Man hätte uns nicht isolieren dürfen! Me Klein habe ich darauf aufmerksam gemacht.

 

26/4.

Hauss hat die weitgehendsten Bedingungen für Walter und Keppi formuliert und dieselben unterschreiben lassen. Keppi soll Parteigerant werden an Stelle Walters. Walter muss in allen Gemeinden ein Plakat anschlagen lassen, wonach er sofort ein neues Gesetzesprojekt für die Verwaltungsautonomie einbringt. Die U.P.R. darf nie mehr Hauss und seine Freunde bekämpfen. Walter verpflichtet sich mit aller Kraft für die Inhaftierten einzutreten, ob Verurteilungen erfolgen oder nicht.

Auf diese Weise kann man sämtliche gewählte Abgeordnete der U.P.R. verpflichten, während sonst die Wahl Hauss durch eine riesige Propaganda der Führer und der Geistlichkeit doch gefährdet erschien. Viele werden es leider nicht verstehen wollen.

Hauss kam übrigens doch in eine andere Zelle. Nur dem Einwirken Dr Ricklins ist es zu verdanken, dass es nicht Hungerstreik gab. Bei Eröffnung der Sitzung werden aber Proteste losgelassen!!

Hélène war heute furchtbar nervös. Der Tränenstrom wollte nicht aufhören. Ich kann mich gar nicht auf Hélène verlassen. Wenn ich ihm irgend etwas verlange, statt sich ungefähr in meinen Gedankengang hineinzudenken, wird es ungeduldig, stellt Fragen, die ich vor dem Aufseher nur ungewiss beantworten kann; misst dann der Sache keinen Wert bei und lässt mich sitzen. Schicke ich es irgendwo hin, so meint man, es müsste in die Hölle, und wenn es von meinen besten Bekannten sind. So sollte ich für Samstag die Liste der Geschworenen haben, damit unsere Redaktionen sofort nachsehen wen unsere Advokaten ablehnen müssen. Es weigerte sich zu Mme R. zu gehen zur Besprechung der Sache. Ich konnte natürlich nichts sagen und die Folgen sind dumm.

 

27/28. 4. 28

Das Zellenleben geht so langsam weiter und alles ist natürlich gespannt auf den kommenden 1. Mai. Hélène war heute hier mit Alice und Bébé. Mein armes Frauchen ist immer noch betrübt und wartet mit Bangen auf den Prozess. Wir sind alle guten Mutes und die morgigen Wahlen werden ebenfalls mit Spannung erwartet. Mit der Wahl von Ricklin und Rossé wird unbedingt gerechnet. Der Wahlkampf ist äusserst interessant und die Presse bringt täglich Neuigkeiten. Ich halte alle Dossiers auf den Laufenden.

 

29/4. 28

Sonntag. So langweilig wie die übrigen. Ausser Messe und Vesper eine halbe Stunde Spaziergang und fertig ist die Sache. In den letzten Tagen waren täglich die Advokaten hier um sich in die Sachen einzuarbeiten. Es ist natürlich schwierig und verlangt viel Arbeit. Wir werden wohl in der Hauptsache uns auf uns selbst verlassen müssen. Ausser Klein und Jaegle sind zur Zeit Me Fourrier-Paris, Me Palmieri hier und Peter sowie Me Baumann va venir également.

1/5.

Heute begann also der Autonomistenprozess. Früh um 8 Uhr bereits ertönte Trompetengeschmetter. Die Truppen haben anscheinend verschiedene Strassenzüge besetzt, da man auch den 1. Mai feiert und daher Zwischenfälle befürchtet. Im Saale grossen Andrang und Manifestationen für die Angeklagten. Zahlreiche Journalisten sind anwesend. Die Zeitungen geben Extrablätter aus (mindestens Kurier und Nouvelliste).

Es kam zu verschiedenen Zusammenstössen zwischen den Advokaten und Fachot. Ich habe eine besondere Prozesssammlung der Zeitungen des In- und Auslands angelegt.

Heute kam ausser dem Verlesen des Anklageakts und dem Ablesen der Zeugen niemand als Ricklin ins Verhör und dieser wurde nicht fertig. Er hat in mutiger Weise seine Haltung von vor dem Krieg verteidigt und die Haltung der Bourgeoisie (Centlivre) an den Pranger gestellt. Seine Aussagen haben Eindruck gemacht. Die Zeitungen werden übrigens in Details eingehen. Pariser Journalisten haben dumme Gesichter gemacht. Trotz aller Bemühungen der Advokaten wurde uns das politische Regime weiter verweigert. Der Gerichtshof wagte es nicht, Fachot an den Kopf zu stossen und erklärte sich unzuständig. Auch Nachmittags kam es zu Zwischenfällen. Die Zeitungen enthalten Details.

Die Sitzung wurde schon um 6 Uhr aufgehoben. Unsere Zeugen sind frei, bis am Montag, die andern bis am nächsten Donnerstag. Im Saal war eine unerträgliche Hitze und ich habe Kopfweh.