Das Elsass retten (9/12)

Das Elsass retten (9/12)

Aus den Ruinen eines mittelalterlichen Schlösschens hatte ein berühmter Architekt eine hochmoderne Villa gezaubert. Der von Granaten aufgerissene, einzig übriggebliebene Turm war mit Glaswänden wiederhergestellt. Links davon das Hauptgebäude. Es bestand aus einem schlichten Erdgeschoss, dessen Flachdach nach neuester Isolationstechnik mit hohen Gräsern bewachsen war, und lehnte sich an einem Rest der Festungsmauer. Ein zehn Meter langer Abschnitt des Wehrgangs, der die Jahrhunderte überdauert hatte, war mit schwarzen Balken restauriert, mit roten Ziegeln überdacht und mit goldnen Ähren geschmückt.

Weiter links stand eine aus Sandsteinquadern erbaute Doppelgarage, davor ein riesiges Cabrio, das nach der Beschriftung auf der Heckklappe über einen Zwölfzylindermotor mit Kompressor verfügte. Das Ganze lag mitten in einem hügeligen, saftiggrünen Park, umgeben von einem niedrigen Holzlattenzaun.

Auf dem peinlichst gepflegten Rasen stachen Unmengen an tönernen Gartenzwergen heraus, so dass ich mich fragte, wie der Gärtner sich anschickte, da er offensichtlich jeden zweiten Tag mähen musste, um für jede einzelne Figur den richtigen Platz wiederzufinden. Auf einem Schildchen am Eingangstor stand: »Herr und Frau Drache«. Wir klingelten.

Frau Drache trat aus ihrem Haus heraus: »Herein die Herren!«, rief sie, kam auf uns zu, öffnete das Gartentürchen und deutete auf dem Hauseingang.

Der Chef und ich sahen uns an, ich schluckte. Er ging als erster, ich folgte, aber nur zögernd. Denn auch wenn ihr Äußeres mehr dem der lieblichen Drachen entsprach, mit denen sich Kinder in Freizeitparks fotografieren ließen, als dem eines echten Tyrannosaurus Rex, blieb Frau Drache eine beeindruckende Erscheinung. Was mich aber am meisten erstaunte, war ihre Gewandtheit. Schätzungsweise war sie gute fünfhundert Kilos schwer und doch bewegte sie sich so leicht wie eine Balletttänzerin.

Dass eine solche Körpermasse sich auf so engem Raum so bewegen konnte, hielt ich erst nicht für möglich und doch schlupfte sie durch den Flur, ohne die Möbel und die zahlreichen Gemälde auch nur ein einziges Mal zu berühren. Auch ihr drei Meter langer Schwanz schlängelte stets majestätisch, ohne den Nippes auf den Regalen umzuwerfen, und ihre riesigen Krallen hinterließen keinen einzigen Kratzer auf dem hölzernen Fußboden.

Wir hatten Frau Drache beim Kochen überrascht, sie trug eine Schürze, auf der in großen Buchstaben und in Frakturschrift »I love Kant« geschrieben stand. Sie entschuldigte sich für den improvisierten Empfang:

»Hätte iff nur gewufft, daff Wfie heute kommen würden!«, züngelte sie verlegen.

»Wir wollten nur Herrn Drache sprechen!«, stammelte der Chef.

»Aber bitte, folgen Wfie mir!«

Sie zeigte uns den Weg. Herr Drache saß am Küchentisch. Er war noch massiver als seine Frau, der Stuhl, auf dem er saß, verschwand unter den Falten seines Gesäßes. Der Eidechsenkopf war von einem Frotteetuch völlig überdeckt und es roch stark nach Eukalyptus:

»Egon,« sagte Frau Drache mit einem zarten Stimmchen, »eff wfind tffei Herren für diff da!«

»Entffuldigen Wfie,« ertönte eine vom Handtuch gedämpfte Stimme, »iff bin erkälted und muff noch wfo lange inhalieren, biff der Wecker schellt! Hattwffa!!!«

Eine schleimig-hellgrüne Flüssigkeit trat unter dem Tuch hervor und tropfte auf den Boden. Schon hatte Frau Drache den Mopp zur Hand und wischte alles weg.

»Ach, Egon, waff machen wir nur mit dir!«

»Keine Wforge Wfiggi, biff Morgen ifft alleff vorbei. Aber bitte wfetffen wfie wiff meine Herren!«

Wir setzten uns hin. Gebannt sah ich auf Herrn Draches Flügel. Sie waren dunkelgrün wie der Rest des Rückens und nicht größer als Elefantenohren. Falls sie ihm jemals das Fliegen ermöglicht hatten, würden sie es nie wieder tun. Plötzlich läuteten Glocken wie vor einer Flughafendurchsage und es säuselte eine künstliche Frauenstimme:

»Die Inhalationszeit ist beendet. Sie dürfen nun vierundzwanzig Tabletten Huniflux einnehmen und sich zur Ruhe legen. Wir wünschen Ihnen gute Besserung und melden uns wieder in sechs Stunden.«

Die Meldung endete mit Wellengeräuschen und Möwengeschrei. Frau Drache hatte das Handtuch von Herrn Draches Kopf schon abgenommen und hielt ihm ein Glas Wasser und eine Schachtel voller bunter Pillen hin. Dieser kippte sie sich alle in den Rachen und leerte das Glas. Seine rotgeränderten Augen glänzten, er seufzte:

»Wiffen Wfie, iff fahre für mein Leben gern mit dem offenen Cabrio durff die Gegend, aber diewfe Widdffutffwffeibe! Die Widdffutffwffeibe liegt wfiel tffu tief!«

Beim Wort Windschutzscheibe wurden wir und die ganze Küche wie von einem Platzregen gesprenkelt, Frau Drache hantierte gleich mit zwei Putzlappen, einen in jeder Pfote. Ihr Mann schlug mit seiner Rechten auf den Tisch und erklärte entschieden:

»Wfo! Wfiggi, diewfe Herren haben gewiff noch andereff tffu tun. Hol mir doch bitte Wffeckbuch und Kugelffreiber, damit wfir die Wfache erledigen!«

Dann drehte er sich uns zu und fragte wie selbstverständlich:

»Wiefiel wfoll eff diewfmal wfein?«

Eine große Stille trat ein in der Frau Drache aus der Küche huschte, um Sekunden später mit Scheckbuch und Kugelschreiber wieder zu erscheinen, beides legte sie ihrem Gatte hin und wartete. Da räusperte sich der Chef und sagte:

»Wir sind nicht gekommen, um Geld zu verlangen.«

Drache und Drachin sahen sich an, wendeten sich gleichzeitig uns zu und fragten wie aus einer Stimme:

»Wfotffu denn dann?«

Der Chef erklärte, dass er mit Schwert und Schild hätte kommen sollen, um das Königreich des Präsidenten von Drachen zu befreien. Seine Ethik verbot es ihm jedoch, nach Waffen zu greifen, deswegen würde er es vorziehen, das Problem mit einer friedlichen Auseinandersetzung aus der Welt zu schaffen. Seine Liebe für die Tochter des Präsidenten ließ er außen vor. Falls sie dazu bereit wären, wollte er gern mit ihnen die Frage erörtern, aus welchem Grund anscheinend friedliebende Leute plötzlich fliegend und feuerspeiend ganze Landstriche vernichteten.

Herr Drache lachte hell auf:

»Aber iff bitte Wfie meine Herren! Feuerffpeiende Drachen! Daff gibt’ff doch nur in Märchen! Gut, tffugegeben, unwfere Vorfahren haben wfiff viel tffuffulden kommen laffen. Aber dafür tffahlen wfir doch Entffädigugen!«

Und er nahm uns mit in sein Büro im Untergeschoss, übrigens eine Pracht, wie ich sie seither nie wieder gesehen habe, denn das Haus lag hinten an einer Felswand, und eine Seite des Arbeitszimmers war ganz aus Glas: Die Aussicht auf das Gebirge war atemberaubend. Herr Drache nahm auf seinem Sessel hinter dem Schreibtisch Platz, setzte seine Brille auf und seine Sieglinde holte stapelweise Ordner aus den Wandschränken.

Alles lag vor unseren Augen: Belege, alle mit dem Siegel der Präsidentschaft versehen, die Woche für Woche gefüllt worden waren, und von den Summen bezeugten, die Drachens seit Jahrzehnten auszahlten.

»Tffumm Glück wfind unwfere Gartentfferge tüfftiff!«, bemerkte Frau Drache.

»Wfiggy, iff bitte diff!«, antwortete ihr Mann leise, wandte sich uns zu und fuhr weiter:

»Daff hier ifft der allergröfte Kofftenpunkt!«

Er entfaltete eine Blaupause, so groß wie die Schreibtischplatte. Sofort erkannten wir das Schloss auf dem Berg, das den Palast des Präsidenten und die ganze Stadt dominierte. Unten rechts las ich den Namen der Firma, die die Zeichnung und den Bau ausgeführt hatte: »Grobman Hax Architects«.

»Daff ift der renomierteffte Arffitekturbüro der Welt, mit Witff in Niu York!«, sagte Herr Drache, der meinem Blick gefolgt war.

Er bestätigte meinen Eindruck, dass das Schloss ein perfektes Replikat der ehemaligen Bastille in Paris war, was genau dem Wunsch des Präsidenten entsprach.

»Wfo hat eff der Präsident ferlangt! Iff kann Ihnen wfagen, waff daff für Fulden bedeutet! Fulden, Fulden und nochmalff Fulden!«

»Tffumm Glück wfind unwfere Gartentfferge refft tüfftiff!«, wiederholte Frau Drache.

»Wfiggy, bitte!«, unterbrach sie ihr Gatte.

Alles stimmte, mehr brauchten wir nicht zu erfahren. Zum ersten Mal sah ich den Chef niedergeschlagen. Keine Kraft der Welt würde ihn jemals dazu bringen, Drachens auch nur das Geringste anzutun. Doch das bedeutete für ihn den Verlust seiner Liebe. Frau Drache lud uns noch zu einem Rest »Gulaff mit Knödeln« ein. Wir lehnten ab, obwohl Gulasch und Semmelknödel mein Leibgericht sind, aber der Appetit war uns vergangen. Wir verabschiedeten uns.

Dass Tschiawolo ganz unerwartet wieder auftauchte, war nur ein kleiner Trost. Er wartete mit dem Auto vor dem Tor auf uns. Wir stiegen ein, er fuhr sofort los. Mit versteinerter Miene blickte der Chef vor sich hin. Ich fragte Tschiawolo, wo er uns hinfahren wollte. Er legte den Zeigefinger auf die Lippen und gab Gas.

(Fortsetzung folgt)

Die acht ersten Kapitel:

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