Das Elsass retten (8/12)

Das Elsass retten (8/12)

Ich half Tschiawolo beim Anspannen. Der Chef saß schon auf dem Bock, kaute verträumt an einem Grashalm und fragte:

»Ich fröj mich, was unser gemeinsamer Traum am Fluejhafe ze beditte het …«

Tschiawolo sah uns beide an. Ich erzählte ihm unser Abenteuer: die gleichzeitige Ohnmacht im Taxi, der parallel verlaufende Traum. Während ich sprach, ließ er mich nicht aus den Augen. Anschließend spannte er den Wagen an, als hätte er plötzlich einen dringenden Termin. Dann setzte er sich neben den Chef und schnappte die Zügel. Ich leerte den Wassereimer auf das Lagerfeuer. Die Glut zischte, Tschiawolo schnalzte mit der Zunge und ab ging die Post! Ich rannte hinterher und sprang auf das Trittbrett.

Der Wagen rüttelte. Was nicht niet- und nagelfest war, fiel zu Boden. Ich öffnete die vordere Tür und sah Rosa zum ersten Mal traben. Tschiawolo trieb sie mit langgezogenen »Hüüüs!« an. Ich ließ mich, so gut es ging, auf dem Bock nieder. Wir fuhren auf eine kerzengerade Waldstraße, kein Dorf, keine Menschenseele war in Sicht. »Hüüü! Hüüü!«, er setzte Rosa in Galopp.

Der Chef stieß mich mit dem Ellbogen an und deutete auf seine Armbanduhr: Der Minutenzeiger drehte so schnell, dass man ihn nicht wahrnehmen konnte, und der Stundenzeiger lief rückwärts! Die Datumsanzeige ging immer schneller zurück.

»Was het des ze be …?«, wollte ich soeben fragen, als ein Ruck mich beinahe aus dem Wagen geschleudert hätte. Der Chef packte mich rechtzeitig am Unterarm und zog mich zurück. Die Straße war jetzt frisch geteert, verlief weiterhin geradeaus und schien nirgendwohin zu führen. Rosas Hufe klapperten in einem rasenden Tempo. Der Wald links und rechts wurde immer dunkler. Da es keine Handgriffe gab, hielt ich mich am Bock fest.

Etwas stimmte nicht. Mit einer solchen Geschwindigkeit konnte kein Pferd galoppieren. Die Bäume zogen vorbei, als würden wir in einem Schnellzug sitzen. Ein dumpfes Pfeifen setzte ein, das alles übertönte. Ich drehte mich nach Tschiawolo um: Er kutschierte unverdrossen weiter, doch seine »Hüüüs!« konnte ich nur noch auf seinen Lippen ablesen. Mit einem Male verschwand die Landschaft um uns herum. Rosas Rücken war mit weißem Schaum bedeckt, doch befanden wir uns jetzt mitsamt dem Wagen in einem silbernen Ei, das vor sich hin düste. Bumm! Eine neue Änderung trat ein.

Mein Blick fiel zuerst auf meine Hände: Sie waren anders … fühlten sich anders an … geschmeidiger, glatter, und vor allem waren sie manikürt! Als hätte ich je in meinem Leben einen Kosmetiksalon betreten! Dann entdeckte ich meine neuen Kleider: Ich steckte in einem schwarzen Frack, trug ein weißes Hemd, glänzende Lederschuhe, eine Fliege! Auch die Geräuschkulisse hatte sich verändert: Ein Motor summte. Ich saß auf dem hinteren Sitz einer Limousine, die auf der gleichen Straße mit voller Geschwindigkeit geradeaus bretterte.

Links von mir saß ein junger Mann, etwa fünfundzwanzig, dreißig Jahre alt, ebenfalls wie aus dem Ei gepellt. Das Fenster auf seiner Seite war einen Spalt offen und seine pechschwarze Mähne flatterte im Wind.

Unsere Blicke kreuzten sich. Wir starrten uns an wie zwei Gentlemen, die sich im Boudoir der gleichen Dame begegnen. Doch zum Duell kam es nicht, denn nach zwei Sekunden brachen wir gleichzeitig in Gelächter aus: Der Chef! Wir waren um gute zwanzig Jahre jünger! Wir fielen einander in die Arme, rauften wie zwei Halbwüchsige, stießen dabei gegen die Türen, die Minibar, den Vordersitz und endeten auf dem Boden.

Wir hielten inne, der Chef deutete mit den Augen auf den Fahrer. Ich erhob mich und betrachtete ihn. Er saß mit beiden Armen ausgestreckt, den Lenker fest im Griff, stierte nach vorn und trat das Gaspedal durch. Ich musste lachen. Mit der Jugend hatte das Gesicht einen ernsteren Zug genommen. Wie bei einem argentinischen Tangotänzer waren die Haare geglättet. Der üppige Schnurrbart war zu einem dünnen Strich reduziert, doch ein Zweifel war nicht möglich: Tschiawolo!

Er warf einen kurzen Blick in meine Richtung und lächelte. Redseliger war er nicht. Dann wies er mit dem Finger geradeaus auf eine Burg, die sich auf dem Gipfel eines Berges in der Abendsonne abzeichnete. Der Chef und ich sahen uns an: Es war die dunkle Festung unseres Traums.

 

Die stundenlange Fahrt war wie in Minuten verflogen, es wurde Nacht. Wir erreichten das Randgebiet der Stadt und fuhren auf einem dieser Boulevards die allesamt auf den Place du Palais mündeten. Die Straße war nicht beleuchtet, besser gesagt: Die Laternen funktionierten nicht. Auf den Trottoirs reihten sich Kartons aneinander, in denen Leute schliefen. Hie und da standen verkohlte Autos am Straßenrand und in regelmäßigen Abständen rauchende Tonnen, um die wärmesuchende Menschen zusammenrückten.

Doch je mehr wir uns dem Palast näherten, desto mehr färbte sich das Stadtbild. Die spärliche Beleuchtung wurde immer heller, die Schaufenster der nachts geöffneten Läden glitzerten. Menschen eilten auf dem Bürgersteig vorbei, Kunden huschten in die Geschäfte und alle hundert Meter patrouillierten Polizeistreifen.

Kurz vor dem Palast wurden wir von einer Sperre aufgehalten, der wachhabende Polizist ließ uns jedoch mit einer Handbewegung vorbeifahren. Von nun an zogen nur noch Autos der obersten Klasse an uns vorbei, in den Auslagen standen entweder Luxuskarossen oder Juwelen.

Ich betrachtete still die Umgebung und fragte mich, wo Tschiawolo uns hinführen wollte. Als hätte er in meinen Gedanken gelesen, holte er zwei Umschläge aus seiner Innentasche und hielt sie uns hin, ohne die Fahrbahn aus dem Blick zu lassen. Die Briefe waren an uns adressiert, Absender war das »Präsidialamt der Republik«. Wir öffneten sie: Es waren Einladungen zum Präsidentenball.

Kaum hatte ich die Karte fertiggelesen, hielt Tschiawolo an. Jemand öffnete die Tür. Wir stiegen aus. Das Auto fuhr wieder los. Hunderte Blitzlichter blendeten uns. Wir standen am äußeren Ende eines hundert Meter langen roten Teppichs, der bis zum Palasteingang führte. Links und rechts auf der ganzen Länge standen Menschen hinter Absperrgittern, die uns fotografierten.

Der Chef nickte mir zu und überquerte den Teppich mit forschen Schritten. Ich stolperte hinterher. Die Blitzlichter wüteten wie Maschinengewehre, und erst als wir die riesige Eingangshalle betraten, ließ der Angriff nach. Minuten später tanzten noch grelle Punkte vor meinen Augen. Zunächst prüften schwarzgekleidete Türsteher mit Funkgeräten im Ohr unsere Einladungen und eine Hostess führte uns zum großen Saal.

Etwa zweitausend Menschen waren im vierstockwerkhohen Raum versammelt. Sie standen mit Champagnergläsern in der Hand, aßen Kanapees und hörten einem Schauspieler zu, der Sketche vorführte. Mit großem Lacherfolg machte er sich über Familien lustig, die wegen ihres geringen Einkommens am fünfzehnten schon das Ende des Monats erreichten.

Doch die Lachsalven kamen nicht von Herzen. Aus der weißen Marmorwand links der Bühne ragte auf halber Höhe eine goldene Loge, umrahmt von zwei haushohen Vorhängen aus blauem und rotem Samt. Dort thronte der Präsident. Eine Kamera verfolgte jede seiner Bewegungen und sein Gesicht erschien auf der Leinwand im Bühnenhintergrund. Lachte der Präsident, so lachte auch der Saal.

Der Hofnarr beendete seine Vorstellung, grüßte und verschwand. Da erhob sich der Präsident von seinem Platz und sprach aus seiner Kanzel in den Saal, wetterte über den feuerspeienden, fliegenden Drachen, der so viel Schlechtes ins Land gebracht hatte. In alle Ewigkeit sollten sämtliche Bürgerinnen und Bürger ihn und seine Nachfahren hassen und wer den Drachen tötete, würde die Hand seiner Tochter Marianne erhalten.

Eine Falltür ging in der Decke auf, alle Blicke richteten sich nach oben. Heraus kam eine Gondel, die an Seilen majestätisch heruntersegelte. Kleine Wolken aus Pappmaschee, die mit Drähten befestigt waren, flogen schwabbelnd mit, als würde das kleine Boot in einer Schüssel voller Pudding schaukeln. Darin posierte eine junge Frau mit einem tief dekolletierten, weißen Kleid. Die Menschen jubelten. Unter den »Aaahs!« und »Ooohs!« gab es Zurufe wie: »Hoch lebe Marianne!«.

Doch bald wurden sie übertönt, denn gleichzeitig hatte sich die Bühne in ihrer Mitte geöffnet und eine Philharmonie aus wenigstens fünfzig Mann kam, die Nationalhymne spielend, aus dem Graben an die Oberfläche.

Ich betrachtete die Erbprizessin: Sie sah nicht aus wie eine Frau, eher wie eine Industriepuppe aus dem Regal. Alles war künstlich an ihr: die Haare zu blond, die Augen zu groß, der Hals viel zu lang, die Beine ohne Ende … Ich hätte nicht erklären können warum, aber diese Frau, die von der Menge bewundert wurde, tat mir leid.

Ich drehte mich nach dem Chef um: Seine Miene verschlug mir die Sprache. Ich blickte hin und her, um sicher festzustellen, worauf er seine Augen richtete:

»Chef! Was isch los?«, schrie ich, um das Orchestergetöse zu übertönen.

Er sah mich nur kurz an: So doof hatte er noch nie ausgesehen, als hätte er plötzlich nur noch Zuckerwatte im Hirn!

»Weisch, was die alt Ziginere mir prophezejt het?«, fragte er, und ohne auf meine Antwort zu warten, verließ er mich.

Die Gondel war auf dem Tanzboden gelandet, die Menge war zurückgetreten, das Orchester schwieg und eine große Stille trat ein. Ungläubig sah ich ihn die freie Fläche durchqueren und der Erbin beim Aussteigen die Hand reichen. Dann ertönten die ersten Noten eines Walzers und bald kreiste der Chef mit der Präsidententochter um die Wette. Nach dem Ball würde also die Drachenjagd beginnen.

(Fortsetzung folgt)

Die sieben ersten Kapitel:

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