Das Elsass retten (7/12)

Das Elsass retten (7/12)

Im Zeitlupentempo erschien ein Rollator im Türrahmen. Wir sahen die Hände, die sich auf ihn stützten, die Unterarme, die Oberarme. Quälend langsam bewegte sich der Greis, stark gebeugt mit nach vorn ausgestreckten Armen, als würde eine Last ihm das Aufrechtgehen verbieten. Sein Gesicht blieb uns verborgen. Nur eine gebeulte Glatze kam uns entgegen, von schütterem, weißem Haar umrandet, und in die peinliche Stille, die nun eingetreten war, gesellte sich sein schweres Atmen, leise ächzend, zum eintönigen Quietschen der schwarzen Gummiräder.

»César Chéri!«, platzte Liesel in die Grabesruhe hinein, »darf ich dir unsere Gäste vorstellen?«

Der alte Mann erhob sich leicht und zeigte uns seine Züge. Auf den ersten Blick fiel mir das Bild eines abgestandenen Kohlkopfs ein, wahrscheinlich der Ohren wegen, die sich sehnsüchtig nach den Schultern zu beugen schienen. Die rechte Augenhöhle war mit einem hautfarbenem Pflaster abgedichtet, das linke Auge blickte zur Geliebten wie der Hund zum Herrchen, und die von der Rosazea schwer beschädigte Kartoffelnase leuchtete weinrot vor sich hin. Anzug, Schlips und Einstecktuch mochten noch so perfekt sitzen, der Kavalier sah eher wie Liesels Großvater als wie ihr Bräutigam aus.

Der Chef hustete, ich drehte mich mühsam nach ihm um und erschrak. Sein Gesicht war dunkelrot, die Augen quollen ihm aus den Höhlen. Er hielt beide Hände an den Hals und pendelte mit dem Oberkörper hin und her wie ein See-Elefant beim Liebestanz. Er wollte etwas sagen, aber die Worte kamen nicht heraus. Da ich, genauso wie er, nicht in der Lage war, aufzustehen, feuerte ich ihn zum Reden an. Ob es half, weiß ich nicht, doch nach einigem Zurufen platzte es aus ihm heraus wie eine Kanonensalve:

»Des … isch … de Mongollonell!«

 

Der französische Oberst Mongollonell! Mehrmals hatte der Chef mir von ihm erzählt! Als Offizier der Fallschirmjäger und des Nachrichtendienstes hatte er seine Laufbahn mit der Bekämpfung von Aufständen verbracht. Sie begann in den fünfziger Jahren in Indochina: Von der Long Bien Brücke in Hanoi ließ er nachts mit Steine beschwerte, gefangene Widerstandskämpfer in den Roten Fluss hinunterstürzen.

In Algerien modernisierte er seine Methoden: Seine Untergebenen tauchten die Füße der Gefangenen in flüssigen Beton, und wenn dieser hart genug war, flogen sie mit ihnen im Helikopter. Die Reise endete für die Algerier unweigerlich im Mittelmeer. Opfer solcher Spritztouren erhielten den Spitznamen »Garnelen«.

Mongollonell hatte auch Larbi Ben M’hidi, Mitgründer des algerischen Widerstandes, festgenommen. Ihn hatte er nicht für flugwürdig gehalten und mit Hilfe einiger seiner Soldaten in einem leerstehenden Bauernhof eigenhändig aufgehängt.

Natürlich bestand seine Arbeit nicht nur in der Beseitigung störender Elemente. Oberste Priorität hatte die Sammlung wertvoller Nachrichten. Diese Pflicht wurde für ihn zur Leidenschaft, er frönte ihr mit geballter Energie.

Die Benutzung von Feldgeneratoren zur Vernehmung Verdächtiger, die sogenannten »Gégènes«, ging nicht auf ihn zurück. Jedoch gebrauchte er sie ausgiebig. Die Elektroden wurden je nach Laune auf Hoden und Ohr, Brustwarzen und Zehe aufgesetzt, dann drehte ein Soldat an der Kurbel, bis die gewünschten Informationen gesagt waren oder der Befragte an Herzversagen hinschied.

Mongollonells Mühe und Opferbereitschaft genügten jedoch nicht, um Algerien unter dem Schutz der französischen Herrschaft zu behalten. Doch dies entmutigte ihn keineswegs, im Gegenteil: Mit ihm wurde die Schule der Folter zum französischen Exportschlager.

Als Militärattaché in Brasilien bildete er Todesschwadronen aus, aber auch Polizisten und Soldaten aus ganz Südamerika. Die Geheimdienste des argentinischen Diktators Videla machten dankbaren Gebrauch seiner Seetourenmethode, benutzten dazu Flugzeuge und die Anästhesie als zweckmäßige Alternative zum Betonklotz.

Doch sein ruhmreichster Beitrag zum Weltfrieden war seine Zeit als Instrukteur in Fort Bragg, USA. Die Special Forces, aus eigenen Angaben damals blutige Laien im Gebiet der Guerillabekämpfung, nahmen sich seine Lehre zu Herzen. Besonders die Art, wie er die Stadt Algier befriedet hatte, machte großen Eindruck. Hier wurde die gesamte Bevölkerung als Feind betrachtet, den es sorgfältig auszusortieren galt. Systematische Identitätskontrollen, tägliche Hausdurchsuchungen und energische Vernehmungen waren die drei Säulen seiner Vorgehensweise. Die US-Armee setzte sie überall in Vietnam und in späteren Kriegen ein.

 

Der Chef hatte den Namen des Oberst kaum ausgesprochen, da stockte mir der Atem. Ich bekam keine Luft mehr, spürte meinen Kopf schwellen und in meinem Magen rumorte es, als würde ein Rudel junger Hunde sich darin balgen. Die Mischung aus Übelkeit und Angst vor dem Ersticken war unerträglich, das Wohnzimmer drehte so schnell um mich herum, dass die Gegenstände ihre Konturen verloren und sich in rasende Farbstreifen verwandelten. Ich erreichte allmählich den Zustand, wo einem alles, auch das Leben und Sterben, gleichgültig ist. Es ging so weit, dass ich mich auf mein Ende freute. Die Erlösung kam auf natürlichem Weg.

Ich übergab mich. Der Strahl schoss aus meinem Mund wie das Wasser aus dem Feuerwehrschlauch, erreichte im waagerechten Flug die gegenüberliegende Wand und schleuderte mich rückwärts zu Boden. Doch damit flaute er längst nicht ab. Da ich nun auf dem Rücken lag schlug er gegen die Decke und spritzte von da aus in allen Richtungen. Links sah ich den gleichen Springbrunnen hochgehen: Der Chef und ich kotzten im Duo.

Liesel und Mongollonell waren aus meinem Blickfeld verschwunden. Von ihm hörte ich nichts, doch ihr Gezeter ließ erkennen, dass sie ausgerutscht und gefallen war. Inzwischen fing die braungelbe Lauge an zu steigen. Ich planschte schon im Matsch und wunderte mich, dass ich, trotz des Erbrochenen, das mir mit Hochdruck durch die Kehle floss, noch atmen konnte.

Als die steigende Brühe mich zu ersäufen drohte, packte eine Hand meine linke Schulter und zog mich hoch, es war der Chef. Ich schaffte es endlich, mich aufzusetzen. Unsere Bäuche leerten sich weiterhin mit ungeminderter Stärke. Die beiden Turteltauben waren weg. Der Chef stand auf und wollte hinaus: Alle Türen waren verschlossen. Auch ich richtete mich auf. Der Magenschlamm reichte uns bis zum Gürtel und stieg weiter. Ich versuchte eines der Fenster zu öffnen, doch da wurden die Läden von außen zugesperrt, wir steckten nun in einer düsteren Zelle.

Bald mussten wir schwimmen, dabei wirkten unsere Speistrahlen wie Jetbootantriebe, und wir hätten einen Heidenspaß gehabt, wäre da die Perspektive nicht gewesen, im eigenen Saft zu ertrinken. Es kam der Moment, wo mein Kopf gegen die Decke stieß, atmen war nicht mehr möglich. Trotzdem ließ der Druck im Bauch nicht nach, er wurde sogar noch stärker. Plötzlich gab es einen heftigen Knall und ich flog durch die Luft.

Verursachte unser Speien diese Explosion? Auf jeden Fall war sie gewaltig: Ich düste über Baumwipfeln, von Trümmern umgeben. Das Gefühl war herrlich, ich spuckte nicht mehr, der Luftdruck zerzauste meine klebrigen Haare, ich lebte! Der Chef flog neben mir und hatte einen Fensterladen aus Lebkuchen geschnappt. Ich sah nach unten und begriff, was er vorhatte, nahm ein Stück Lebkuchenbrett, das an mir vorbeischoss und hielt mich daran fest.

Jetzt kam der Sturz. Unter uns hatte die Flut tsunamiartige Dimensionen erreicht. Mit den improvisierten Surfbrettern landeten wir auf dem Gipfel einer Welle, die uns wie eine Achterbahn bis zur Hälfte der Kieselallee beförderte. Dort endete sie und die Landung wurde schmerzhaft. Wir kullerten zusammen mit allem möglichen aus dem Haus stammenden Gerümpel wie Zuckerrüben aus der Kippbrücke, bekamen manche Prellungen und Schrammen ab, bis wir endlich, zitternd, übelriechend und zerlumpt vor dem großen Eingangstor saßen.

Dort hörten wir jemand klatschen, drehten uns um und sahen Tschiawolo. Er saß auf einem Meilenstein, hatte eine selbstgedrehte Zigarette im Mundwinkel und lächelte uns strahlend zu. Jetzt stand er auf und gab uns ein Zeichen. Wir sollten ihm folgen. Er führte uns bis zu einem Bach am Waldesrand, wo wir uns waschen konnten, brachte uns ein Stück Seife aus dem Wagen, der nur einige Meter davon entfernt war.

Rosa graste auf der nahen Weide. Dieser Anblick wühlte mich bis ins Innerste auf. Es war, als käme ich nach einem langen Exil, einer Reise durch Krieg und Hölle, wieder nach Hause zurück. Doch der Eindruck währte keine drei Sekunden, ich hatte zu viel Freude an meinem wiedergefundenen Körper. So auch der Chef. Und wir bespritzten uns wie die Kinder mit dem eisigen Wasser, schrubbten Haut und Haare, tauchten blitzschnell und rannten zähneklappernd bis zum Wagen, wo Tschiawolo mit zwei Wolldecken auf uns wartete.

Wir waren nackt, er gab uns Kleider. Ich erhielt einen schwarzen Pullover und eine blaue Latzhose, der Chef eine Armeehose und ein Holzfällerhemd. Dann holte er aus einem Kästchen eine Salbe für unsere Wunden und rieb uns ein. Schließlich bereitete er mit selbstgepflückten Kräutern einen Tee. Der fühlte sich wie Balsam für den Magen an.

Dann kam der Abend und wir streckten uns auf unseren Pritschen. Ich schlief auch diesmal nicht sofort ein und genoss lange die Geräusche der Nacht.

(Fortsetzung folgt)

Die sechs ersten Kapitel:

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