Das Elsass retten (6/12)

Das Elsass retten (6/12)

Wir waren seit drei Tagen unterwegs. Mal saßen wir nebeneinander auf dem Bock, mal liefen der Chef und ich dem Wagen voraus. Nachmittags vertraute Tschiawolo uns die Zügel an, streckte sich auf seiner Koje und ließ sich während der Fahrt in den Schlaf einrütteln.

Unsere neue Behausung war bis auf die Räder ganz aus Holz gebaut. Im Handumdrehen hatte Tschiawolo aus ein paar Brettern zwei Pritschen über sein eigenes Bett gezimmert. Sein Bücherregal hatte er dabei über die Eckbank versetzen müssen. Ich nutzte die Gelegenheit, um in den Bänden zu schmökern. Er besaß Luthers Bibel, den Koran, die 1882er-Ausgabe des »Vür ein vrîes Elsâzenlant« von Philander von Langbein und fünf weitere Bücher über Radiästhesie, Sternkunde und Heilkräuter.

In unserem neuen Leben gab es keinen Computer, kein Telefon, keinen Kühlschrank und keinen Strom. Ein geräucherter Schinken und etwas Dörrobst waren unsere einzige Reserve. Wir lebten von der Hand in den Mund und von dem, was Menschen und Natur uns schenkten. An unserem Erfolg hatte Rosa, Tschiawolos Stute, keinen geringen Anteil.

Sie war ein prächtiges Tier, ein Schwarzwälder Kaltblut, wie ich später erfuhr. Tschiawolo bürstete und striegelte sie täglich, kämmte Mähne und Schweif, wichste Zaumzeug und Geschirr und hielt sie peinlichst sauber, damit Rosa sich ja nicht daran verletze. Sie war auch das einzige Lebewesen, mit dem er sprach. Doch außer den Fuhrkommandos »Hü, jü, hott und brrr« für »vorwärts, links, rechts und halt« verstanden wir keine Silbe des liebevollen Gemurmels, mit dem er sie anredete.

In jedem Dorf kamen uns Leute entgegen. Hier war es der Bäcker, der früh morgens vor der Tür seiner Backstube eine Zigarette rauchte und uns im Vorbeigehen einen Laib Brot zusteckte, dort die Schneiderin, die aus ihrem Haus trat, und uns Kirschen aus ihrem Garten schenkte. Und immer wieder eilten Kinder heran, die Rosa streicheln wollten und stets einen Leckerbissen für sie übrig hatten.

An diesem Tag jedoch fand die Begegnung auf offenem Feld statt, an einer Kreuzung fern jeder Ortschaft. Eine freudestrahlende, dickliche Fünfzigerin in elsässischer Landestracht kam uns entgegen. Sie zog ein überfülltes Wägelchen hinter sich her, das von Obst, Gemüse, Brot und Wurst überzulaufen schien. Von Weitem stieß sie einen Schrei aus und als sie Rosa erreichte, hielt sie ihr eine Handvoll Würfelzucker hin.

Wir grüßten höflich, der Chef wechselte einige Worte mit ihr. Kichernd fragte sie, ob sie einen Blick in den Wagen werfen dürfte, sie hätte so einen noch nie von innen gesehen. Während ich mit Tschiawolo, der so tat, als gäbe es sie gar nicht, auf dem Bock sitzen blieb, stieg der Chef ab und begleitete sie. Wir hörten sie hinter dem Wagen glucksen, spürten das Rütteln, als sie einstieg, dann kamen Ausrufe der Bewunderung. Nun wollte sie alles über uns wissen, befragte den Chef über unser Ziel, geriet außer sich über unsere Absichten, befürwortete die Idee einer neuen Verfassung, und ja, sämtliche Illegale sollten eingebürgert werden.

Erneut wurden wir leicht geschüttelt, als sie ausstieg. Sie lud uns zu sich ein, wir bräuchten ihr nur zu folgen, solche Gäste wie uns wollte sie unbedingt an ihrem Tisch haben. Der Chef war Feuer und Flamme, Tschiawolo verzog keine Miene und ich traute mich nicht, eine Meinung zu äußern. Aber die Dame, die sich jetzt mit dem Namen Liesel vorstellte, bat uns so inständig, dass an ein Ablehnen nicht zu denken war.

Also kehrten wir um und folgten ihr einige Kilometer bis zu einem Gut am Waldesrand. Das Wohngebäude stand in einem Park, der von einer großen Mauer umgeben war. Tschiawolo deutete auf den gegenüberliegenden Waldweg und gab uns damit zu verstehen, dass er dort mit dem Wagen auf uns warten würde.

Der Chef und ich folgten der Liesel durchs Tor. Eine mit hellem Kiesel bestreute Prachtallee führte bis zu einem fürstlichen Springbrunnen aus Marmor. Doch das Herrenhaus dahinter wirkte klein und fehl am Platz mit seinen weißrot karierten Gardinen und seiner mattbraunen Fassade. Die Erklärung für die dunkle Farbe ergab sich erst, als wir unmittelbar davor standen: Das gesamte Gebäude war aus Lebkuchen!

Wir halfen der Frau des Hauses beim Tragen der zahlreichen Einkaufstüten bis in die Küche, dann servierte sie den Aperitif. Es gab Brezeln und Bier und während wir mampften und süffelten, deckte sie den Tisch für uns beide im Esszimmer. Von nun an ließ sie uns nicht mehr zu Worte kommen. Wir setzten uns hin und schon zauberte sie das erste Gericht herbei, als Appetitanreger: vier Dutzend Schnecken, in Knoblauchbutter geschmort, dazu eine Flasche Käferkopf Grand Cru aus Ammerschweier.

Wir aßen brav, während sie sich weiter in der Küche tummelte: Schubladen klapperten, Teller und Tassen klirrten, eine Gabel ratterte gegen eine Schale, ein Messer knatterte auf dem Hackbrett, immer wieder dröhnte der Motor eines Mixers, dann raschelte die Muskatreibe, die Ofentür ging auf und wieder zu, eine Flüssigkeit zischte in einer glühenden Pfanne, ein tiefes Brutzeln ertönte aus einem Kochtopf. Und wenn ein Korken aus einem Flaschenhals sprang, dann bedeutete dies unfehlbar, dass der nächste Gang im Anzug war.

Plopp! Ich würgte soeben die letzte Schnecke mit dem Rest Weißwein hinunter, und schon landete ein gedämpfter Hecht in Kapernrahmsauce mit Basmatireis vor meiner Nase, dazu eine Flasche Kidderlen Spätlese Gewürtztraminer. Die leeren Teller und Schneckenhäuser verschwanden, der Tisch war frisch gedeckt, und auf unseren Schößen lagen auch schon neue Servietten. Im Nu füllten sich die Gläser. Gabeln und Messer sprangen uns in den Händen und schon zerging der Fisch häppchenweise auf unseren Zungen.

Satt waren wir längst. Doch Liesels Küche war ein Gaumenerlebnis ersten Ranges. Auf den Hecht folgten Suppenpasteten, gefüllt mit Hühnerragout und Nudeln, dazu eine Flasche Rangen Grauburgunder Edeltraubenlese. Wir aßen nicht nur alles auf, wir tunkten auch Baguettestückchen in der Soße und verzehrten sie fingerleckend, bis die Platte so trocken wie die Kalahari dalag. Den letzten Schluck Wein hatten wir auch schon gekippt.

Der Chef und ich wechselten unruhige Blicke: Er spürte sie auch, diese unwiderstehliche Macht, die uns zum Essen zwang. An Aufstehen war nicht mehr zu denken und jetzt kam der erste »Trou normand«: Ein mit Calvados gefüllter Becher von der Größe eines Senfglases, den wir gewissenhaft in einem Zug leerten.

Nach diesem leichten Auftakt meinte Liesel, wir wären nun in der richtigen Verfassung, um mit der eigentlichen Mahlzeit zu beginnen und zwar mit echtem Fleisch. Kaum hatte sie es ausgesprochen, lag auf jedem unserer Teller ein Fohlensteak mit Schalotten und Bohnen à la Maître d’Hôtel. Dazu eine Flasche von dem weniger bekannten, weil einzig elsässischen Rotwein: der immerhin als »Wadebrecher« berüchtigter Oberottrotter Roter.

Es folgten Läwerknepfle, Grumbeerekiechle, Käsesuppe, eine Matelote, Hammelbraten, gefüllte Schweinerippchen, ein königliches Sauerkraut, Rehkeule, Hasenpfeffer, Fleisch in Gelee mit Kartoffelsalat, eine Forelle Müllerin, oberelsässische Fleischschnacka … Mehr als die Hälfte des Menüs habe ich vergessen, und natürlich gab es Wein wie aus dem Gartenschlauch.

Wir waren nur noch beißende Zähne, kauende Kiefer, schluckende Schlünde. Nach dem achtunddreißigsten Gang warf ich einen Blick an uns herunter und glaubte meinen Augen nicht: Unsere Bäuche hatten sich ausgedehnt, sie drückten gegen den Tisch und auf beiden Seiten unserer Stühle hatten sie schon den Boden erreicht.

Jetzt aber kamen die Nachspeisen: Profiterolles, Rhabarbergrütze, Apfelmeringue, Schokoladenpudding, Heidelbeerkuchen, Schwimmende Berge mit jeder Menge Tresterschnaps: den unvergleichlichen »Trawere«. Doch plötzlich kehrte Ruhe ein, das Besteck blieb reglos liegen, die Speisen flogen nicht mehr durch die Luft. Liesel blieb vor uns stehen und erklärte frohlockend:

»Vun jetz ab muehn mir awer franzeesch redde, denn jetz kommt miner Fiancé!«

Und aus dem Flur hörten wir das Geräusch quietschender Räder.

 

(Fortsetzung folgt.)

Die fünf ersten Kapitel:

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