Das Elsass retten (5/12)

Das Elsass retten (5/12)

Wir saßen um ein Feuer, trugen trockene Kleider und waren satt. Hugo, der die Gruppe anführte und sich unserer angenommen hatte, zupfte leise die Gitarre mit einem zehn Jahre alten Mädchen. Bierflaschen machten die Runde. Eine alte Frau las dem Chef aus der Hand. Was sie ihm sagte konnte ich nicht hören, aber ich wusste was er empfand.

Denn sie hatten uns nicht nur wie verlorene Brüder empfangen, nein, sie sprachen Elsässisch. Greise, Erwachsene, Kinder: Alle benutzten ausschließlich den Dialekt, und was für einen! Wem die Sprache unserer Ahnen noch im Ohr klingt, wer die vernichtende Flut der französischen Einsprachigkeit erlebt hat und den heutigen Kauderwelsch aus Mundart und Französisch über sich ergehen lassen muss, der kann unsere Freude mitempfinden: Es war ein Gefühl wie Weihnachten und Ostern. Und so lächelte ich dem Chef zu, als er seine letzte Perle, mattgrau und dick wie eine Murmel, aus der Tasche zog und sie der Alten schenkte. Nun besaßen wir rein gar nichts mehr.

Die Musik, das Prasseln der Holzscheite, das Lachen der Menschen: Ich sah in den sternklaren Himmel und es überkam mich ein unbändiges Gefühl der Freiheit, der grenzenlosen Zuversicht. Nichts Schlimmes konnte mehr passieren, man brauchte sich nur des Daseins zu freuen und dankbar zu sein, sei es für ein Schluck Wasser, ein Lächeln oder eine dargebotene Hand. Ich war glücklich wie nie zuvor.

Doch nach einer Weile hörte Hugo auf zu spielen und fragte:

»Frind, es isch uns e Freid ejch ze hann, awer morje fahre mir widdersch! Was hann ihr vor?«

Wir würden uns morgen auch auf den Weg machen, sagte der Chef, um den Elsässern Geschichten zu erzählen.

»Was fir Gschichte?«, fragte Hugo.

Da begann der Chef, aus dem Leben des Johann Knauths zu berichten und erneut wurde ich Zeuge des Zaubers. Alle Blicke richteten sich auf ihn, alle hörten nur noch zu.

Knauth war 1890 als junger Architekt von Köln nach Straßburg gekommen, mit vierzig wurde er Dombaumeister und widmete sein Leben der Errettung des Münsters. Unter dem Fundament lauerte nämlich eine tödliche Gefahr: Der Grundwasserspiegel hatte sich gesenkt. Die im Kies getauchten Eichenstämme standen teilweise im Trockenen und faulten. Dem Bau drohte schlicht und einfach der Einsturz. Ab 1912 leitete Knauth eine titanische Baustelle. Die zehntausend Tonnen des Nordturms wurden um 10 cm angehoben, um Beton darunter zu gießen. Doch dann kam der Krieg, die Niederlage und die französische Revanche.

Knauth hatte eine Elsässerin geheiratet, in der Ehe wurden zwei Söhne geboren, die beide in deutscher Uniform gefallen waren. Ihnen zu Ehren weigerte sich der Vater, die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Die neue Behörde enthob ihn 1919 seines Amtes und verwies ihn 1920 ohne Pensionsberechtigung des Landes. Er zog nach Gengenbach, in Sichtweite der Kathedrale, die er gerettet hatte, und starb kurz darauf, seelisch krank und völlig mittellos im Alter von 60 Jahren.

Er war einer unter mehr als hunderttausend, die der ethnischen Säuberung dieser Jahre zum Opfer fielen. Frankreich rühmt sich in aller Welt seines Geburtsortsprinzips, im Elsass hat es dieses mit Füßen getreten.

Der Chef entschuldigte sich bei seinen Zuhörern. Er fühlte sehr wohl, dass er mit dieser Geschichte ihre tiefgläubigen Gemüter betrübte. Sie waren katholisch und wussten zu gut, was es bedeutete, ausgestoßen zu werden. Doch sollten sie wissen, welchen Sinn wir unseren beiden Leben gegeben haben und warum. Eine Macht, die Steuern aus einem Land einzieht und gleichzeitig die Sprache seiner Bevölkerung vernichtet, ist unrechtmäßig. Das wollten wir den Elsässern verkünden, und dafür würden wir im ganzen Ländel von Stadt zu Stadt und von Haus zu Haus gehen.

Alle blieben still. Frisches Holz knackte im Feuer, der Wind trieb die Funken weit in die Nacht. Doch plötzlich rief ein Uhu aus dem Wald, und als wäre dies ein Zeichen zum Sprechen sagte die Alte:

»Hugo, fiehr se morje friehj zuem Tschiawolo, der wurd schun wisse, was’r fir se mache kann.«

Die Runde wurde wieder lebendig, alle bejahten den Vorschlag und Hugo fragte:

»Weiß ebber, wo er isch?«

»Morje isch’r in Amelse un duet e Grundstickel guetachte«, rief eine Stimme von der anderen Seite des Feuers.

»Wer isch des, de Tschiawolo?«, fragte der Chef.

»Des erklär ich ejch morje, wenn mir zuem fahre«, antwortete Hugo.

Daraufhin stand er auf und ging zu Bett. Nach und nach taten es ihm alle gleich, nur ich konnte diese Nacht nicht schlafen und wachte noch lange, nachdem die letzte Glut schon erloschen war.

 

Wir standen auf eine Anhöhe am südlichen Rand des Dorfs: Hugo, der Chef und ich. Das Grundstück hatte ungefähr die Größe eines halben Fußballfeldes: Eine Weide mit vereinzelten Bäumen. Ein Mann ging mit bedächtigen Schritten darauf hin und her, hielt beide Hände auf Gürtelhöhe vor sich, die Finger gespreizt, die Handflächen nach unten. Ab und zu blieb er stehen, holte aus seiner Seitentasche ein Stöckchen, an dessen Ende ein farbiger Stofffetzen befestigt war, und steckte es in den Boden. Dann ging er weiter, beide Hände vor sich haltend, in eine andere Richtung.

Wir setzten uns auf den Boden und warteten. Am Rand der Wiese stand ein anderer Mann und telefonierte. Das war gewiss der Besitzer, meinte Hugo. Weiter erklärte er uns die Bedeutung der Stöcke: Die blauen zeigten den Verlauf der Wasseradern, die roten umgrenzten die Fläche, wo das Wohnhaus gebaut werden durfte. Was die anderen Farben bedeuteten, wusste er nicht. Doch wer vor dem Bau seines Hauses den Anweisungen des »Wassersuechers« folgte, wurde weniger krank und hatte oft ein besseres Leben.

Die Begutachtung dauerte noch eine halbe Stunde. Ich fragte, ob der Mann von dieser Arbeit lebte. Nein sagte Hugo, er täte es umsonst, kenne auch Kräuter und Heilpflanzen, er hätte schon manche Kranke durch Handauflegen geheilt, aber auch dafür nehme er kein Geld an. Von Lützel bis Weißenburg kannte man seinen Wagen, sein Pferd durfte überall grasen, er selbst lebte von dem, was die Leute ihm schenkten.

Der Besitzer gab dem Mann etwas, das dieser in seiner Tasche steckte, und fuhr fort. Wir standen auf und gingen hin. Hugo stellte uns vor.

Tschiawolo war um die achtzig und hielt sich trotz seines Alters sehr aufrecht. Wortlos streckte er uns eine schöne, knorrige Hand entgegen. Unter dem graubraunen, breitkrempigen Hut lächelte er über das ganze Gesicht. Die spitze Nase, der graue Schnurrbart, die verschmitzten Augen: Alles an ihm erweckte unsere Sympathie, auch seine rätselhafte Lebensart. Warum reiste er nicht mit den anderen Zigeunern? Darauf wusste keiner eine richtige Antwort.

Unsere Freunde hatten uns zudem gewarnt: Tschiawolo gab selten einen Ton von sich, keiner hatte ihn je reden gehört, obwohl allgemein angenommen wurde, dass er dazu in der Lage war. Und doch verstand man immer, was er meinte. Das sollten wir auch gleich bei der ersten Begegnung erleben.

In wenigen Worten erklärte Hugo den Grund unseres Besuchs. Doch auch ohne Erklärung stand bereits fest, dass der Chef, Tschiawolo und ich zusammen gehörten. So seltsam es auch klingen mag: Es war selbstverständlich. Tschiawolo nickte kurz, der Chef warf mir einen aufmunternden Blick zu, mir hüpfte das Herz im Leibe: Das Bündnis war geschlossen, die Brüderschaft wie durch einen Fingerschnalzen besiegelt.

Als Hugo uns beim Abschied umarmte, fühlte ich zwar einen kleinen Kloß im Hals, aber wir wussten, dass wir uns in diesem Jahr wiedersehen würden, und vor allem fühlte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben am richtigen Ort, ich hatte den Weg heimgefunden, ich war endlich zu Hause.

Hugo fuhr los. Nun waren wir zu dritt. Aus Tschiawolos alter Tasche ragten die Hinterbeine eines Hasen. Er klopfte zwei Mal mit der flachen Hand auf den abgewetzten Stoff und machte sich mit einer einladenden Geste auf dem Weg. Damit wussten wir, was wir zu Mittag essen würden.

 

(Fortsetzung folgt hier)

Die vier ersten Kapitel:

http://hewwemi.net/das-elsass-retten-1/

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