Das Elsass retten (12/12)

Das Elsass retten (12/12)

Ein Rütteln weckte mich aus wüsten Träumen, und ich genoss das bekannte Klappern und Quietschen, bevor ich die Augen öffnete. Angenehme Gerüche hingen in der Luft: Wald, Moos, morsches Holz … und immer wieder Duftschwaden, die ich im Halbschlaf nicht zuordnen konnte: scharf, animalisch, beruhigend. Bis mir endlich ein Licht aufging und ich den charakteristischen Geruch der Pferde erkannte … Rosa! Ich reckte mich ausgiebig und richtete mich auf.

Sonnenstrahlen drangen durch das hohe Laubdach und blendeten mich. Der Zigeunerwagen fuhr im Schritt durch den Wald. Ich hatte vorne auf der winzigen Plattform geschlafen. Tschiawolo saß allein auf dem Bock und lächelte mich an. Er war wieder der Alte. Ich blickte an mir hinunter und sah, dass auch ich wieder in meiner ursprünglichen Haut steckte. Sie fühlte sich gut an. Er deutete auf eine Wasserflasche die unter dem Bock stand, griff in seine Tasche und reichte mir einen Apfel: Ich setzte mich neben ihn und kostete das herrliche Frühstück.

Wir fuhren aus dem Wald, die offene Landschaft erschien vor unseren Augen. Ich bat Tschiawolo anzuhalten und stieg ab, sprach zu Rosa, streichelte und lobte sie und reichte ihr den Krotzen. Sie tastete mit dem Maul meine flache Hand ab und schnappte die Belohnung. Während sie geräuschvoll kaute, schaute ich in die Ferne und bewunderte die Aussicht: Die etwas hügelige Ebene, die verstreuten Dörfer mit ihren Kirchtürmen, der Schwarzwald im Hintergrund. Die Lust packte mich, diesen Moment mit dem Chef zu teilen. Ich drehte mich um. Er stand schon da, Hand in Hand mit einer Unbekannten.

»Darf ich euch Giang vorstellen?« fragte er und blickte von mir zu Tschiawolo.

Der Zigeuner stieg vom Wagen herunter, Giang kam ihm entgegen und grüßte ihn. Dann reichte sie mir ihre Hand. Ich schaute wohl recht dumm drein denn sie konnte sich das Lachen nicht verkneifen.

»Ich glaube, ich bin euch eine Erklärung schuldig«, sagte sie. »Ich komme aus Vietnam, eine böse Fee hat mich verzaubert und gezwungen, die Präsidententochter zu spielen. Nur weil ihr gekommen seid, konnte ich mich befreien und seit dieser Nacht habe ich meinen Körper wiedergefunden.«

Zum Dank umarmte sie mich. Sie war um gute zwei Köpfe kleiner als der Chef und zierlich, doch keineswegs schwach.

»Was bedeutet dein Name auf Vietnamesisch?«, fragte ich.

»Fluss«, antwortete sie.

Der Chef und ich wechselten Blicke, der gemeinsame Traum ging uns wieder durch den Kopf, doch ein wiederholtes Hupen forderte unsere Aufmerksamkeit. Wir drehten gleichzeitig unsere Köpfe in dieselbe Richtung.

In hundert Metern Entfernung hielt ein Auto mit Wohnwagen an. Ein Arm winkte aus dem Fahrerfenster, dann erschien ein Kopf, es war Hugo! Im Schritt-Tempo bog er in ein verwildertes Gelände rechts der Straße ein. Die zwanzig Fahrzeuge der Sippe folgten dicht an dicht und parkten. Giang, der Chef und ich eilten herbei, Tschiawolo nahm Rosa am Zügel und zottelte hinterher. Kinder, Frauen, Männer stiegen aus den Autos und Kleinbussen aus, es wurde ein Wiedersehensfest aus Umarmungen, Küssen und Schulterklopfen.

Ein Trampelpfad lief vom Parkplatz durch die Felder. Die Frauen machten sich auf den Weg, die Kinder ihnen vorauseilend. Die Männer schlossen sich dem Zug an und wir zogen mit. Nur Tschiawolo blieb zurück und spannte Rosa ab. Plötzlich intonierte Hugo ein Kirchenlied und die gesamte Kolonne stimmte mit ein. So pilgerten wir eine halbe Stunde lang, singend, zwischen Weinreben und Weizenfeldern bis zu einer verlassenen Kapelle am Waldesrand.

Von Weitem sah man Schwalben hin und her fliegen, immer wieder kehrten sie zum Gotteshaus zurück und als wir es erreichten, sahen wir ihre Nester reihenweise am Giebel hängen. Der kleine Bau hatte einst bessere Zeiten gekannt, Türen und Fenster waren verschwunden, das Dach hatte mehrere Löcher und auf beiden Seiten wucherten die Sträucher. Ich weiß nicht, aus welchem Jahrhundert er stammte, doch alle Öffnungen hatten romanische Bögen. Drinnen hausten noch andere Gäste: Amseln und Tauben, die sich im Gebälk eingenistet hatten.

Wir traten als letzte ein. Stühle und Bänke waren keine vorhanden, die Kapelle platzte aus allen Nähten, nur eine kleine Fläche um den Sandsteinaltar blieb frei. Die Frauen hatten ihn mit Blumen bedeckt, die sie unterwegs gepflückt hatten. Auf der Vorderseite konnte man noch das Motiv eines Reliefs der Mutter Gottes erkennen, die ihren toten Sohn in den Armen hielt.

Der Gesang ergriff mich hier noch stärker als draußen. Alle standen Schulter an Schulter im Halbkreis, ich roch den Schweiß meiner Nachbaren, sah die Gesichter meiner Gegenüber, ihre glänzenden Augen, und wenn ich auch nicht mitsang, weil ich weder Text noch Melodie kannte und so falsch wie eine Leichenwagenbremse singe, so fühlte ich mich doch als Teil des Liedes, das durch die Öffnungen des Dachs seinen Weg in den Himmel suchte.

Links von mir standen Giang und der Chef hintereinander. Er hielt sie umschlungen und beide guckten in die gleiche Richtung. Ich wusste nun, dass wir uns trennen würden, dass ich meinen eigenen Weg gehen musste, so sehr es auch schmerzte.

Das Lied war zu Ende, Hugo stieg auf die Altarstufen und sprach einige Worte auf Romani, alle bekreuzigten sich. Ich tat es ihnen nach. Ein Mädchen stimmte ein neues Lied an und die Gemeinschaft sang sofort mit. Darauf verließen wir die kleine Kirche.

Auf dem Weg zurück wurde viel gelacht, die Alten erzählten Geschichten, die Jungen frohlockten, Giang und der Chef gingen Hand in Hand. An den Wohnwagen angekommen, bereiteten alle gemeinsam ein Festessen. Ich nahm an der Feier teil wie ein Zuschauer, der nicht auf die Bühne treten darf, und sammelte lediglich Bilder, die meine zukünftige Einsamkeit beleben würden.

 

Ich rede nicht gern von Trennungen, auch wenn es nur vorübergehende sind. Der Chef und ich führten noch lange Gespräche, ich machte mir einen Haufen Notizen, die heute auf meinem Schreibtisch liegen und Staub sammeln. Wäre ich nur in der Lage, ein Jahrhundertwerk, einen genialen Wurf des Manifests für die Autonomie zu schreiben, den das Elsass zum Überleben so nötig hätte! Doch zur politischen Kampfschrift fehlt mir das Talent. Ich kann höchstens noch von meiner Rückkehr berichten, von der ich allerdings nicht weiß, ob sie wahr oder erträumt ist.

Als einsamer Wanderer ging ich nun wieder über Wiesen und Felder, durch Städte und Dörfer, und konnte mich an den Landschaften nicht sattsehen. Auf den Ortsschildern blühten wieder längst vergessene Namen: Dammerkirch, Sennheim, Neudorf, Markirch, Schnierlach, Schlettstadt, Litzelstein, Zabern und viele andere, die wieder existieren durften. An den Straßenschildern waren die Namen ehemaliger Politiker und Generäle verschwunden, an allen Rathäusern hing die rotweiße Fahne.

In Allmendshausen blieb ich vor einer Anzeigetafel stehen, die das Programm der »Parlamentssitzungen« wiedergab. Ich fragte eine Dame, die mit einem Korb voller Obst und Gemüse an mir vorbeiging, was es zu bedeuten hatte. Sie nahm mich mit zum »alte Rothüs«, wie sie es nannte. Die Gemeinderäte waren abgeschafft, es gab keine Gewählten mehr, das Parlament bestand aus allen erwachsenen Einwohnern der Stadt und traf sämtliche Entscheidungen. Die nötigen Vertreter wurden unter Freiwilligen gelost und blieben vier Jahre im Amt, konnten jedoch nach einem Jahr vom Parlament gekündigt werden.

Mich wunderte, als ich im überfüllten Gemeindesaal der Sitzung beiwohnte, wie ruhig die Menschen waren. Kein Redner wurde unterbrochen, manche hörten aufmerksam zu, andere schliefen, eine junge Frau stillte ihr Baby und ein Greis tippte ununterbrochen auf einem Laptop.

Ich machte mich wieder auf den Weg, doch diesmal nahm ich die Umgebung nicht wahr, ein Schritt folgte dem anderen und irgendwann erreichte ich die Stadt meiner Väter. Ich erwachte erst im Neuhofer Wald, als ein kleines, schluchzendes Mädchen mir entgegenkam. Sie mochte wohl fünf, sechs Jahre alt sein, eine kleine Araberin. Ich ging in die Knie und lächelte ihr zu.

»Ich hab mini Mama verlore«, schluchzte sie in reinstem Elsässerdeutsch, »kannsch m’r helfe?«

Einen Augenblick lang war ich sprachlos und antwortete schließlich:

»Komm, mach d’r ke Sorje, mir wäre se schun finde.«

Sie gab mir ihre Hand und still liefen wir die fünfzig Meter bis zur nächsten Kreuzung. Dort sah ich schon von Weitem die Mama. In rasantem Tempo schob sie einen Kinderwagen vor sich her und drehte sich dabei in alle Richtungen. Die Kleine ließ meine Hand los und lief, so schnell ihre Füßchen es ihr erlaubten, auf sie zu. Als sie sie erreichte, nahm die Mutter ihr Kind in die Arme, und winkte mir zum Dank.

 ENDE

 

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