Das Elsass retten (11/12)

Das Elsass retten (11/12)

Tschiawolo hielt am Waldesrand. Wir stiegen aus und gingen einige hundert Meter bergauf bis zu einer Wiese. Vom Tau wurden unsere Schuhe nass, ein leichter Nebel hüllte die Landschaft ein. Von hier aus waren die Stadt und der Palast nicht sichtbar. Das Schloss aber schimmerte dunkelrot im Morgenlicht. Es war bis zur Hälfte des Berges von Wald umgeben, dann kam der wildbewachsene Streifen, der umso gefährlicher war, als dass nirgends ein Weg ihn durchquerte. Hecken und Dornensträucher würden den Durchgang erschweren und verlängern.

Tschiawolo holte sein Taschenmesser heraus und schnitt aus einem Haselzweig einen meterlangen Stock. Den würde der Chef gut gebrauchen, um sich einen Weg durch das Gestrüpp zu schlagen. Der Zigeuner reichte ihm die Holzrute und sie fielen sich in die Arme. Ich sah weg. Dann nahm der Chef mir den Rucksack ab, den ich bis hierher getragen hatte, und sagte:

»Derfsch net trürig sinn, was jetz kommt isch e Offebarung, e Anfang. Mir wäre noch großartigi Sache erläwe, so odder so!«

Meine Augen waren voller Tränen. Wir umarmten uns, doch schnell trennte er sich von mir und lief in langen Schritten auf das Schloss zu. Ein letztes Mal drehte er sich um und schrie:

»Vergess net: Noochem achte Liecht, sofort drucke!«

Dann verschwand er im Dickicht. Darauf folgten die schrecklichsten Augenblicke meines Lebens. Was, wenn er es nicht schaffte? Was, wenn kein Licht anging? Aber auch die Vorstellung der acht brennenden Leuchtdioden war eine Qual. Ich sollte den Mann hinrichten, der meinem Leben einen Sinn gegeben hatte!

Um gegen Weinkrämpfe anzukämpfen, hüpfte ich auf der Stelle, hielt den Atem an, bis es weh tat und biss mir in die Finger. Tschiawolo ging hin und her, warf ständig seinen Messer in einen Baum und murmelte dabei in seinen Bart. Wir waren wie zwei von ihren Eltern verlassene Kinder, die nicht wussten, was sie mit ihrer Verzweiflung anfangen sollten.

Die erste Diode leuchtete auf, er hatte es geschafft! Ein Abgrund öffnete sich jetzt vor meinen Füßen. Viel zu schnell ging die zweite Diode an, die dritte, die vierte, er beeilte sich, als wollte er es hinter sich bringen, als hätte er Angst, es nicht zu schaffen, fünf, sechs … in welchem Zustand mochte er wohl sein? War er sehr geschwächt? Hatte er Schmerzen? Sieben …

Bald leuchteten acht Punkte vor meinen Augen, doch fühlte ich mich wie versteinert, es war physisch unmöglich, auf diese Taste zu drücken. Regungslos starrte ich auf die Fernbedienung. Tschiawolos Hand winkte vor meinen Augen, dann fühlte ich, wie er mich an den Schultern packte und schüttelte. Erst, als er versuchte, mir das Gerät aus den Händen zu reißen, erwachte ich, warf mich zu Boden und klammerte mich daran fest. Er war viel stärker als ich und zerrte schon an meinem linken Arm, da hörten wir einen schrillen Schrei, der uns zu Salzsäulen erstarren ließ. Ich blickte zum Schloss, der gleiche Schrei ertönte nochmal und da sah ich sie.

Es waren Bussarde, sechs oder sieben an der Zahl, die den Chef an Kragen und Gliedern gepackt hatten und durch die Luft transportierten! Sie erreichten die Wiese, ließen ihn sanft im Gras landen und flogen wieder davon. Ich rannte hin, drehte ihn um, denn er lag mit dem Gesicht auf dem Boden. Er lebte! Tschiawolo war mir hinterhergerannt, klopfte mir auf die Schulter und deutete auf die Fernbedienung. Ich drückte auf den Knopf.

Die Explosion war dumpfer als erwartet, und erst glaubte ich, die Sprengung wäre fehlgeschlagen. Doch dann stürzte das gesamte Gebäude in Fallgeschwindigkeit zusammen, als würde es ins Nichts sinken. Gleichzeitig erhob sich eine riesige Staubwolke. Als der Wind sie später verwehte, waren am Gipfel des Berges nur noch die Baumwipfel zu sehen. Das Schloss hatte aufgehört zu existieren.

Vorerst versuchte ich den Chef zu wecken, doch da ratterte ein Motorrad herbei, erreichte die Wiese und steuerte auf uns zu. An der Figur und an den langen Haaren erkannte ich, dass es eine Frau war. Sie hielt an, ließ die Maschine fallen, riss sich den Helm ab und kniete vor dem Chef. Die Tochter des Präsidenten! Ich schilderte, was geschehen war, doch sie ließ mich nicht zu Ende reden und packte ihn, ich weiß nicht, wie sie es schaffte, auf ihren Rücken.

Mit seinen baumelnden Armen und Beinen schien er jetzt auf sechs Füßen zu gehen. Sie trug ihn bis zum Waldesrand, wo ein Bach sich entlangschlängelte, dort legte sie ihn hin.

»Helft mir!«, rief sie.

Wir zogen ihn nackt aus. Tschiawolo machte einen Bündel aus seinen Kleidern, lief bis zum Todesstreifen und warf es dort weg. Die Erbin und ich ließen den Chef vorsichtig ins eiskalte Wasser gleiten. Der Bach war an dieser Stelle keine fünfzig Zentimeter tief. Als sie seinen Kopf untertauchte, wachte er auf, erhob sich wie der Blitz und war auf den Beinen. Ich drehte mich sofort um, doch das Bild, das ich in dieser Zehntelsekunde erhaschte, blieb mir unvergesslich. Der Chef, aufrecht stehend und nackt, der mit feurigwilden Blicken seine Umgebung entdeckte: Die fleischgewordene Freiheit!

»Wasch dich, Geliebter!«, hörte ich sie zu ihm sagen, »Aller Staub vom Berg des Todes müssen weg!«

Der Chef wusch sich und hatte am Ende kein Handtuch, um sich abzutrocknen. Tschiawolo gab ihm seine Jacke, ich zog meine Hose aus und reichte sie ihm. Bis zum Auto musste er nun barfuß gehen und ich in Unterhosen.

Die Reifen quietschten als Tschiawolo losfuhr. Von der Stadt sahen wir nichts mehr und erreichten bald die gerade Straße, auf der wir gekommen waren. Diesmal saß ich neben dem Fahrer. Die Aufregung der letzten Stunden ebbte nach und nach ab. Die sanften Bewegungen der Limousine wiegten uns, die langweilige Strecke tat das Übrige. Als ich mich zum zweiten Mal umdrehte, schlummerten die beiden Turteltauben auf dem hinteren Sitz schon. Nur Tschiawolo saß wieder wie eine unerschütterliche Sphinx, mit ausgestreckten Armen nach vorne stierend. Auch ich hielt es nicht mehr aus, und sank in tiefen Schlaf.

(Fortsetzung folgt)

Die zehn ersten Kapitel:

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