Das Elsass retten (10/12)

Das Elsass retten (10/12)

Wir waren zurück im grauen Viertel der Stadt. Vor den Häuserreihen türmte sich der Müll zu meterhohen Bergen. Gegenüber eines Lkw-Wracks, das auf dem Bürgersteig rostete, bog Tschiawolo in eine Tiefgarage. Die automatischen Schranken waren längst verschwunden, hier gab es nur Schrott und räderlose Busse, die als Wohnungen dienten. Wir fuhren an einer riesigen Spirale entlang, die sich in die Erde hineinbohrte. Nach dem vierten Untergeschoss wurde mir schlecht und ich hörte auf zu zählen. Es wurde immer dunkler.

Als das elende Karussell endlich aufhörte, steuerten wir in eine Einzelgarage. Die Tür schloss sich hinter uns zu. Ich fühlte meinen Puls schneller werden. Wir waren eingesperrt, der Motor lief weiter, unsere Scheinwerfer beleuchteten nur eine staubige Betonwand und der Widerschein hüllte alles andere in fahles Licht.

Ein Kettengeklirre wie von einem Flaschenzug übertönte plötzlich das ruhige Brummen des Autos. Vor unseren Augen erhob sich die Mauer, Tschiawolo schob den ersten Gang ein, fuhr einige Meter mit Schrittgeschwindigkeit, hielt an und stellte den Motor ab. Um uns herum standen hagere Menschen in Lumpen. Sie trugen lange, weiße Haare und Bärte, ihre Gesichter waren hellgrau, die Haut wie durchsichtig. Einer von ihnen öffnete die Tür auf meiner Seite, beugte sich leicht vor und sagte mit einer zitternden Stimme:

»Seid willkommen, ihr Helden der Vorsehung!«

 

Wir stiegen alle drei aus. Als wäre er zu Hause, holte Tschiawolo eine Gitarre aus dem Kofferraum, setzte sich im Schneidersitz auf die Motorhaube, und fing an zu spielen.

»Kommen Sie, kommen Sie!«, sagte mit einer einladenden Geste derjenige, der mich empfangen hatte.

Wir waren in einer riesigen Höhle. Das Licht der Fackeln verlor sich nach oben und auf den Seiten, so dass man ihre Dimensionen gar nicht schätzen konnte. Zwischen Stalagmiten, die als Säulen dienten, hatten diese Menschen mit alten Brettern eine Baracke gebaut.

»Wer seid ihr?«, fragte ich.

»Wir sind die zwölf Überlebenden des Schlossbaus«, antwortete unser Gastgeber.

Er führte uns in ihre zusammengeflickte Behausung, die nur ein Zimmer hatte. Dort setzten wir uns im Kreis auf dem Boden. Nur Tschiawolo blieb an der Tür, machte es sich bequem und spielte weiter. Der Chef saß mir gegenüber. Seit wir Drachens verlassen hatten, war kein einziges Wort über seine Lippen gekommen.

Die Höhlenmenschen waren sichtlich aufgeregt, doch auch sie blieben stumm. Mir schien, als ob sie sich wortlos verständigen konnten, jedenfalls sprach nur einer von ihnen, immer derselbe. Auf ein Zeichen von ihm holte mein linker Nachbar etwas aus einer Kiste heraus, entfaltete und legte es vor unseren Augen. Es war die gleiche Blaupause, die Herr Drache uns gezeigt hatte: Das Schloss auf dem Berg.

Es herrschte eine Weile Stille und da der Chef immer nocht nichts sagte, fragte ich:

»Warum habt ihr uns Helden der Vorsehung genannt?«

»Ihr seid gekommen, um das Elsass zu retten, und das werdet ihr auch tun. Ihr werdet das Zentrum der Macht vernichten!«

Er deutete mit dem Finger auf das Schloss. Mir rutschte das Herz in die Hose. Ich traute mich aber nicht, das Angebot sofort abzuschlagen.

»Ich … Ich habe immer geglaubt, die Macht wäre im Palast!«, stotterte ich.

»Der Palast ist nur ein Marionettentheater zur Ablenkung der Menschen.«

»Aber … Wer wohnt denn im Schloss? Was ist drin?«

»Nichts, rein gar nichts. Hier leben keine Menschen, gedeihen keine Ideen, hier herrscht nur die nackte Angst.«

Und ohne Übergang ging er zur Sache:

»Das Schloss hat acht Türme, unter jedem Turm ist ein Hohlraum, wo jeweils eine Sprengladung gesetzt werden muss. Die Räume sind durch diese Schächte leicht zu erreichen.«

Er deutete auf die entsprechenden Stellen, während sein Nachbar aufstand und einen verschlissenen Rucksack herbeiholte. Aus dessen Seitentasche holte er ein Gerät von der Größe einer Zigarettenpackung heraus und gab es dem Redner.

»Einer von euch wird die Ladungen einbringen. Sie sind hier, in dieser Tasche. Der andere wird am Fuß des Berges mit der Fernbedienung bleiben. Ist eine Ladung bereit, geht hier ein Licht an. Wenn alle acht Lichter brennen, muss er sofort auf diese Taste drücken.«

Mir war, als bliebe die feuchte Luft der Höhle in meinen Lungen stecken. Ich atmete tief ein. Der Chef blieb stumm, ich rebellierte:

»Wieso wartet er nicht, bis der andere zurückkommt, um alles in die Luft zu sprengen? Und wenn das alles so leicht ist, warum habt ihr es nicht schon vorher gemacht?«

»Als der Bau des Schlosses fertig war, ließen die Bauherren einen Graben drumherum ausheben: Zehn Meter tief, dreißig Meter breit. Tausende Illegale starben bei dieser Arbeit. Dann ließen sie den Graben mit radioaktivem Müll füllen und wieder zuschütten. Deswegen wird das Schloss nicht bewacht, nur wenige sind stark genug, um es zu erreichen, aber keiner kommt lebend zurück, kein Mensch hält die Strahlung aus.«

Ich sah mich als Kind bei meiner Mutter, doch in einem Alter, in dem die Erinnerung normalerweise nicht zurückgreifen kann. Die Stimme des Chefs weckte mich aus meinem Traum:

»Ich werde die Ladungen setzen und du übernimmst die Fernbedienung«.

Alles bäumte sich in mir auf. Ein Gedanke kam mir in den Sinn, der rettende Strohhalm, nach dem ich griff:

»Acht Sprengladungen, die von einem Mann getragen werden können, reichen doch niemals aus, um ein solches Gebäude zu sprengen!«

»Doch!«, antwortete der Höhlenmensch, »Es ist eine Kopie der Bastille, aber nicht aus dem gleichen Material. Diese hier ist aus Beton von schlechter Qualität. Denn so reich sie auch sind, die Bauherren sind lauter Krämerseelen und Pfennigfuchser. Aber nicht nur das: Es sind auch Mörder, und das Fundament bröckelt schon von all den Leichen ihrer Gegner, die sie im frischen Beton haben stürzen lassen! Glaubt mir, diese Ladungen genügen!«

»Was geschieht, wenn das Schloss zusammenbricht?«, fragte der Chef.

Der Höhlenmensch sah erst mich an und antwortete:

»Nach der Explosion habt ihr zwölf Stunden Zeit, um dorthin zurückzukehren, woher ihr gekommen seid und eure ursprüngliche Gestalt wiederzufinden.«

Dann drehte er sich dem Chef zu:

»Ich kenne deine Sorge und kann dich beruhigen: Sie wird schon für sich selbst sorgen!«

Er schnippte mit den Fingern. Mein Nachbar stand wiederum auf, holte diesmal eine Glaskugel und legte sie auf ein Tuch mitten in die Runde. Darin sahen wir die Tochter des Präsidenten in ihrem Zimmer sitzen. Sie hatte die riesige Tricolore vom Dach des Palastes heruntergeholt und in dünnen Streifen geschnitten, die sie zu einem Seil flocht.

»Und ihr?«, fragte ich.

»Wenn das Schloss verschwindet, gibt es keine Illegale mehr und wir dürfen wie normale Menschen leben.«

Der Chef war schon aufgestanden und trug den Rucksack. Wir kehrten zum Auto zurück.