E Literatürpris fir ‘s Elsass!!!

E Literatürpris fir ‘s Elsass!!!

De Lahrer Murre 2016 fir Prosa isch an « Hans un Ayasha » gange. E Kurzgschicht, wie ich dänne Summer extra fir die Geläjeheit gschriwe hab ghet. De Pris isch am 17. Oktower in d’Lahrer Mediathek verleiht worre (do clicke). Merci vielmols an d’Stadt Lahr, Birgit König un die Mitglieder vun de Jury: Stefan Pflaum, Ludwig Hillenbrand un Ulrike Derndinger. Die Laudatio isch vum Ludwig Hillenbrand gschriwe un geläse worre (die Kurzgschicht kennen ‘r widdersch unte läse):   Hans un Ayasha (Laudatio)   Was mir jetz heere werre, isch e richtig spannendi Gschicht. Fascht wiä e Krimi. Wie e Krimi fangt sie au an. Mit-eme uffregende Knaller. Wiä in viele Filme, wu´s glich in de erschte Szene kracht un ballert. Richtig unheimlich! Un mr weiß eigentlich no gar nit, wurum un weggewas.   Awwer es isch iwwerhaupt nit e billiger, reißerischer Thriller, wie mr meine könnt. Eher ein poetischer, leiser Text, der eim nachdenklich mache kann.   Schun im Uffbau isch die Gschicht sehr gschickt anglegt. Denn nooch däm furiose Ufftakt kummt e Rückblende: Jetzt wurd im e scheene, ruhige Ton verzehlt, – verzehlt heißt´s im alemannische -, wiä´s zue dere erschte Szene het kumme kinne. Alles het nämlig schu drei Woche vorher angfange ghet.   I will uss Absicht nix verrote, was verzehlt wurd. Nur e Iidruck vermittle, wiä´s verzehlt wurd. (Es soll jo noch spannend bliebe, wenn die Gschicht nochher vorglese wurd.) Nur so viel: Die Gschicht spielt im e hoche Wohnblock im e Randbezirk vun Stroßburg. Un sie handelt vum e äldere Mann „iwwer siebzig“ – vum Hans (wiä kinnt´s au anderscht siin in de Heimet vom Hans...
Das Elsass retten (12/12)

Das Elsass retten (12/12)

Ein Rütteln weckte mich aus wüsten Träumen, und ich genoss das bekannte Klappern und Quietschen, bevor ich die Augen öffnete. Angenehme Gerüche hingen in der Luft: Wald, Moos, morsches Holz … und immer wieder Duftschwaden, die ich im Halbschlaf nicht zuordnen konnte: scharf, animalisch, beruhigend. Bis mir endlich ein Licht aufging und ich den charakteristischen Geruch der Pferde erkannte … Rosa! Ich reckte mich ausgiebig und richtete mich auf. Sonnenstrahlen drangen durch das hohe Laubdach und blendeten mich. Der Zigeunerwagen fuhr im Schritt durch den Wald. Ich hatte vorne auf der winzigen Plattform geschlafen. Tschiawolo saß allein auf dem Bock und lächelte mich an. Er war wieder der Alte. Ich blickte an mir hinunter und sah, dass auch ich wieder in meiner ursprünglichen Haut steckte. Sie fühlte sich gut an. Er deutete auf eine Wasserflasche die unter dem Bock stand, griff in seine Tasche und reichte mir einen Apfel: Ich setzte mich neben ihn und kostete das herrliche Frühstück. Wir fuhren aus dem Wald, die offene Landschaft erschien vor unseren Augen. Ich bat Tschiawolo anzuhalten und stieg ab, sprach zu Rosa, streichelte und lobte sie und reichte ihr den Krotzen. Sie tastete mit dem Maul meine flache Hand ab und schnappte die Belohnung. Während sie geräuschvoll kaute, schaute ich in die Ferne und bewunderte die Aussicht: Die etwas hügelige Ebene, die verstreuten Dörfer mit ihren Kirchtürmen, der Schwarzwald im Hintergrund. Die Lust packte mich, diesen Moment mit dem Chef zu teilen. Ich drehte mich um. Er stand schon da, Hand in Hand mit einer Unbekannten. »Darf ich euch Giang vorstellen?« fragte er und blickte von mir zu Tschiawolo. Der Zigeuner stieg...
Das Elsass retten (11/12)

Das Elsass retten (11/12)

Tschiawolo hielt am Waldesrand. Wir stiegen aus und gingen einige hundert Meter bergauf bis zu einer Wiese. Vom Tau wurden unsere Schuhe nass, ein leichter Nebel hüllte die Landschaft ein. Von hier aus waren die Stadt und der Palast nicht sichtbar. Das Schloss aber schimmerte dunkelrot im Morgenlicht. Es war bis zur Hälfte des Berges von Wald umgeben, dann kam der wildbewachsene Streifen, der umso gefährlicher war, als dass nirgends ein Weg ihn durchquerte. Hecken und Dornensträucher würden den Durchgang erschweren und verlängern. Tschiawolo holte sein Taschenmesser heraus und schnitt aus einem Haselzweig einen meterlangen Stock. Den würde der Chef gut gebrauchen, um sich einen Weg durch das Gestrüpp zu schlagen. Der Zigeuner reichte ihm die Holzrute und sie fielen sich in die Arme. Ich sah weg. Dann nahm der Chef mir den Rucksack ab, den ich bis hierher getragen hatte, und sagte: »Derfsch net trürig sinn, was jetz kommt isch e Offebarung, e Anfang. Mir wäre noch großartigi Sache erläwe, so odder so!« Meine Augen waren voller Tränen. Wir umarmten uns, doch schnell trennte er sich von mir und lief in langen Schritten auf das Schloss zu. Ein letztes Mal drehte er sich um und schrie: »Vergess net: Noochem achte Liecht, sofort drucke!« Dann verschwand er im Dickicht. Darauf folgten die schrecklichsten Augenblicke meines Lebens. Was, wenn er es nicht schaffte? Was, wenn kein Licht anging? Aber auch die Vorstellung der acht brennenden Leuchtdioden war eine Qual. Ich sollte den Mann hinrichten, der meinem Leben einen Sinn gegeben hatte! Um gegen Weinkrämpfe anzukämpfen, hüpfte ich auf der Stelle, hielt den Atem an, bis es weh tat und biss...
Das Elsass retten (10/12)

Das Elsass retten (10/12)

Wir waren zurück im grauen Viertel der Stadt. Vor den Häuserreihen türmte sich der Müll zu meterhohen Bergen. Gegenüber eines Lkw-Wracks, das auf dem Bürgersteig rostete, bog Tschiawolo in eine Tiefgarage. Die automatischen Schranken waren längst verschwunden, hier gab es nur Schrott und räderlose Busse, die als Wohnungen dienten. Wir fuhren an einer riesigen Spirale entlang, die sich in die Erde hineinbohrte. Nach dem vierten Untergeschoss wurde mir schlecht und ich hörte auf zu zählen. Es wurde immer dunkler. Als das elende Karussell endlich aufhörte, steuerten wir in eine Einzelgarage. Die Tür schloss sich hinter uns zu. Ich fühlte meinen Puls schneller werden. Wir waren eingesperrt, der Motor lief weiter, unsere Scheinwerfer beleuchteten nur eine staubige Betonwand und der Widerschein hüllte alles andere in fahles Licht. Ein Kettengeklirre wie von einem Flaschenzug übertönte plötzlich das ruhige Brummen des Autos. Vor unseren Augen erhob sich die Mauer, Tschiawolo schob den ersten Gang ein, fuhr einige Meter mit Schrittgeschwindigkeit, hielt an und stellte den Motor ab. Um uns herum standen hagere Menschen in Lumpen. Sie trugen lange, weiße Haare und Bärte, ihre Gesichter waren hellgrau, die Haut wie durchsichtig. Einer von ihnen öffnete die Tür auf meiner Seite, beugte sich leicht vor und sagte mit einer zitternden Stimme: »Seid willkommen, ihr Helden der Vorsehung!«   Wir stiegen alle drei aus. Als wäre er zu Hause, holte Tschiawolo eine Gitarre aus dem Kofferraum, setzte sich im Schneidersitz auf die Motorhaube, und fing an zu spielen. »Kommen Sie, kommen Sie!«, sagte mit einer einladenden Geste derjenige, der mich empfangen hatte. Wir waren in einer riesigen Höhle. Das Licht der Fackeln verlor sich nach...
Das Elsass retten (9/12)

Das Elsass retten (9/12)

Aus den Ruinen eines mittelalterlichen Schlösschens hatte ein berühmter Architekt eine hochmoderne Villa gezaubert. Der von Granaten aufgerissene, einzig übriggebliebene Turm war mit Glaswänden wiederhergestellt. Links davon das Hauptgebäude. Es bestand aus einem schlichten Erdgeschoss, dessen Flachdach nach neuester Isolationstechnik mit hohen Gräsern bewachsen war, und lehnte sich an einem Rest der Festungsmauer. Ein zehn Meter langer Abschnitt des Wehrgangs, der die Jahrhunderte überdauert hatte, war mit schwarzen Balken restauriert, mit roten Ziegeln überdacht und mit goldnen Ähren geschmückt. Weiter links stand eine aus Sandsteinquadern erbaute Doppelgarage, davor ein riesiges Cabrio, das nach der Beschriftung auf der Heckklappe über einen Zwölfzylindermotor mit Kompressor verfügte. Das Ganze lag mitten in einem hügeligen, saftiggrünen Park, umgeben von einem niedrigen Holzlattenzaun. Auf dem peinlichst gepflegten Rasen stachen Unmengen an tönernen Gartenzwergen heraus, so dass ich mich fragte, wie der Gärtner sich anschickte, da er offensichtlich jeden zweiten Tag mähen musste, um für jede einzelne Figur den richtigen Platz wiederzufinden. Auf einem Schildchen am Eingangstor stand: »Herr und Frau Drache«. Wir klingelten. Frau Drache trat aus ihrem Haus heraus: »Herein die Herren!«, rief sie, kam auf uns zu, öffnete das Gartentürchen und deutete auf dem Hauseingang. Der Chef und ich sahen uns an, ich schluckte. Er ging als erster, ich folgte, aber nur zögernd. Denn auch wenn ihr Äußeres mehr dem der lieblichen Drachen entsprach, mit denen sich Kinder in Freizeitparks fotografieren ließen, als dem eines echten Tyrannosaurus Rex, blieb Frau Drache eine beeindruckende Erscheinung. Was mich aber am meisten erstaunte, war ihre Gewandtheit. Schätzungsweise war sie gute fünfhundert Kilos schwer und doch bewegte sie sich so leicht wie eine Balletttänzerin. Dass eine...
Das Elsass retten (8/12)

Das Elsass retten (8/12)

Ich half Tschiawolo beim Anspannen. Der Chef saß schon auf dem Bock, kaute verträumt an einem Grashalm und fragte: »Ich fröj mich, was unser gemeinsamer Traum am Fluejhafe ze beditte het …« Tschiawolo sah uns beide an. Ich erzählte ihm unser Abenteuer: die gleichzeitige Ohnmacht im Taxi, der parallel verlaufende Traum. Während ich sprach, ließ er mich nicht aus den Augen. Anschließend spannte er den Wagen an, als hätte er plötzlich einen dringenden Termin. Dann setzte er sich neben den Chef und schnappte die Zügel. Ich leerte den Wassereimer auf das Lagerfeuer. Die Glut zischte, Tschiawolo schnalzte mit der Zunge und ab ging die Post! Ich rannte hinterher und sprang auf das Trittbrett. Der Wagen rüttelte. Was nicht niet- und nagelfest war, fiel zu Boden. Ich öffnete die vordere Tür und sah Rosa zum ersten Mal traben. Tschiawolo trieb sie mit langgezogenen »Hüüüs!« an. Ich ließ mich, so gut es ging, auf dem Bock nieder. Wir fuhren auf eine kerzengerade Waldstraße, kein Dorf, keine Menschenseele war in Sicht. »Hüüü! Hüüü!«, er setzte Rosa in Galopp. Der Chef stieß mich mit dem Ellbogen an und deutete auf seine Armbanduhr: Der Minutenzeiger drehte so schnell, dass man ihn nicht wahrnehmen konnte, und der Stundenzeiger lief rückwärts! Die Datumsanzeige ging immer schneller zurück. »Was het des ze be …?«, wollte ich soeben fragen, als ein Ruck mich beinahe aus dem Wagen geschleudert hätte. Der Chef packte mich rechtzeitig am Unterarm und zog mich zurück. Die Straße war jetzt frisch geteert, verlief weiterhin geradeaus und schien nirgendwohin zu führen. Rosas Hufe klapperten in einem rasenden Tempo. Der Wald links und rechts wurde immer...
Das Elsass retten (7/12)

Das Elsass retten (7/12)

Im Zeitlupentempo erschien ein Rollator im Türrahmen. Wir sahen die Hände, die sich auf ihn stützten, die Unterarme, die Oberarme. Quälend langsam bewegte sich der Greis, stark gebeugt mit nach vorn ausgestreckten Armen, als würde eine Last ihm das Aufrechtgehen verbieten. Sein Gesicht blieb uns verborgen. Nur eine gebeulte Glatze kam uns entgegen, von schütterem, weißem Haar umrandet, und in die peinliche Stille, die nun eingetreten war, gesellte sich sein schweres Atmen, leise ächzend, zum eintönigen Quietschen der schwarzen Gummiräder. »César Chéri!«, platzte Liesel in die Grabesruhe hinein, »darf ich dir unsere Gäste vorstellen?« Der alte Mann erhob sich leicht und zeigte uns seine Züge. Auf den ersten Blick fiel mir das Bild eines abgestandenen Kohlkopfs ein, wahrscheinlich der Ohren wegen, die sich sehnsüchtig nach den Schultern zu beugen schienen. Die rechte Augenhöhle war mit einem hautfarbenem Pflaster abgedichtet, das linke Auge blickte zur Geliebten wie der Hund zum Herrchen, und die von der Rosazea schwer beschädigte Kartoffelnase leuchtete weinrot vor sich hin. Anzug, Schlips und Einstecktuch mochten noch so perfekt sitzen, der Kavalier sah eher wie Liesels Großvater als wie ihr Bräutigam aus. Der Chef hustete, ich drehte mich mühsam nach ihm um und erschrak. Sein Gesicht war dunkelrot, die Augen quollen ihm aus den Höhlen. Er hielt beide Hände an den Hals und pendelte mit dem Oberkörper hin und her wie ein See-Elefant beim Liebestanz. Er wollte etwas sagen, aber die Worte kamen nicht heraus. Da ich, genauso wie er, nicht in der Lage war, aufzustehen, feuerte ich ihn zum Reden an. Ob es half, weiß ich nicht, doch nach einigem Zurufen platzte es aus ihm heraus...
Das Elsass retten (6/12)

Das Elsass retten (6/12)

Wir waren seit drei Tagen unterwegs. Mal saßen wir nebeneinander auf dem Bock, mal liefen der Chef und ich dem Wagen voraus. Nachmittags vertraute Tschiawolo uns die Zügel an, streckte sich auf seiner Koje und ließ sich während der Fahrt in den Schlaf einrütteln. Unsere neue Behausung war bis auf die Räder ganz aus Holz gebaut. Im Handumdrehen hatte Tschiawolo aus ein paar Brettern zwei Pritschen über sein eigenes Bett gezimmert. Sein Bücherregal hatte er dabei über die Eckbank versetzen müssen. Ich nutzte die Gelegenheit, um in den Bänden zu schmökern. Er besaß Luthers Bibel, den Koran, die 1882er-Ausgabe des »Vür ein vrîes Elsâzenlant« von Philander von Langbein und fünf weitere Bücher über Radiästhesie, Sternkunde und Heilkräuter. In unserem neuen Leben gab es keinen Computer, kein Telefon, keinen Kühlschrank und keinen Strom. Ein geräucherter Schinken und etwas Dörrobst waren unsere einzige Reserve. Wir lebten von der Hand in den Mund und von dem, was Menschen und Natur uns schenkten. An unserem Erfolg hatte Rosa, Tschiawolos Stute, keinen geringen Anteil. Sie war ein prächtiges Tier, ein Schwarzwälder Kaltblut, wie ich später erfuhr. Tschiawolo bürstete und striegelte sie täglich, kämmte Mähne und Schweif, wichste Zaumzeug und Geschirr und hielt sie peinlichst sauber, damit Rosa sich ja nicht daran verletze. Sie war auch das einzige Lebewesen, mit dem er sprach. Doch außer den Fuhrkommandos »Hü, jü, hott und brrr« für »vorwärts, links, rechts und halt« verstanden wir keine Silbe des liebevollen Gemurmels, mit dem er sie anredete. In jedem Dorf kamen uns Leute entgegen. Hier war es der Bäcker, der früh morgens vor der Tür seiner Backstube eine Zigarette rauchte und uns...