Carl Roos, 7. Februar 1940 – 7. Februar 2020, 80 Jahre Lügen

Carl Roos, 7. Februar 1940 – 7. Februar 2020, 80 Jahre Lügen

Pressemitteilung

Champigneulles / lieu dit La Petite Malpierre

(nahe Nancy, Frankreich)

Freitag, den 7. Februar 2020

Salü bisamme!

Vor genau 80 Jahren, am 7. Februar 1940, wurde unser Landsmann Carl Roos hier von einem französischen Exekutionskommando erschossen.

Die Gruppe Freies Elsass ist gekommen, um dem von der französischen Justiz ermordeten Kameraden, am Ort seiner Hinrichtung, zu gedenken.

Darüber wird sich wohl so mancher empören und Krach machen, da eine hartnäckige Legende bis heute besagt, dass Carl Roos nicht nur ein Spion im Dienste Deutschlands, sondern auch ein elsässischer Nationalsozialist war.

Deshalb ist es uns wichtig, es hier klar und deutlich allen elsässischen und deutschlothringischen Landsleuten zu sagen, und dem Pariser Regime ins Gesicht: Carl Roos ist unschuldig!

Zum Tode verurteilt wurde er nach einem viertägigen Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ein Prozess in dem, im Gegensatz zu den in Demokratien üblichen Regeln, nicht das Gericht die Schuld des Angeklagten beweisen musste, sondern der Angeklagte seine Unschuld. Das Gericht ließ ihm also keine Chance, die seltenen Entlastungszeugen, die sich wagten auszusagen, mussten damit rechnen, nach ihrer Aussage festgenommen zu werden. Außerdem sind die Akten des Verfahrens heute seltsamerweise « verschwunden », für französische Archive existieren sie nicht mehr. Der Fall Carl Roos wurde also schlicht und ergreifend aus der Welt geschaffen!

Folgende Tatsachen müssen hier vorgebracht werden: Carl Roos war ein Politiker und ein elsässischer Autonomist. Wie alle unseren Landsleuten seiner Generation trug er im Ersten Weltkrieg die deutsche Uniform. Zurück ins Zivilleben, in seiner elsässischen Heimat, hat er die vollendete Tatsache des Nationalitätenwechsels akzeptiert. Aber aus Liebe zu seiner Kultur und Sprache, zu « unserm Elsässerditsch », wie er sie selbst nannte, hat er sich politisch gegen die von Paris gesteuerte Assimilationspolitik eingesetzt.

Als Gemeinderatsmitglied der Stadt Straßburg, als Vizepräsident des unterelsässischen Generalrats und vor allem 1927 als Generalsekretär des elsässischen Heimatbundes wurde Carl Roos der Pariser Zentralgewalt ein Dorn im Auge. Der erste Prozess wurde 1929 in Frankreich, in Besançon gegen ihn geführt. Doch vor zivilen Geschworenen und in den damals friedlichen Umständen endete dieser mit einem Freispruch. Gleichwohl geiferten die politische Polizei und die Regierungspresse mit Lügen und Verleumdungen ununterbrochen gegen ihn weiter. Erst 1939, in einer von der Kriegsgefahr vergifteten Atmosphäre, und Dank dem jedem demokratischen Empfinden Hohn sprechenden Dekret über die Strafverfolgung der Spionage vom 17. Juni 1938, konnte die französische Militärgerichtsbarkeit ihn beseitigen.

Die Pariser Zentralmacht, die sich im Rahmen des Versailler Vertrags als Kriegstreiberin entpuppte, die in der europäischen Krise der dreißiger Jahren kläglich scheiterte und, 1939, im Krieg den sie selbst erklärt hatte, keinen Finger rührte, streute der eigenen Bevölkerung Sand in den Augen, indem sie einen Unschuldigen für ihre eigene Unfähigkeit strafte.

Wer diese Kranzniederlegung mit irgendeiner braunen Nostalgie gleichsetzen möchte, fordern wir auf, einen Beweis, einen einzigen Beweis!, einer Spionagearbeit Roos zugunsten des Dritten Reichs vorzulegen. Und als Beweis erwarten wir keine von französischen Diensten erstellten Fotomontage, keine von denselben Diensten erzwungene Falschaussage und auch kein Sensationsartikel der damaligen Regierungspresse, sondern einen vom historischen Standpunkt gültigen Beweis, der die Verbindung zwischen Roos und die Nazis dokumentiert.

Übrigens verwerfen wir auch die grotesken Verfälschungen, mit denen die Nationalsozialisten, nach der Annexion unseres Landes, seinen Tod für sich vereinnahmten. Carl Roos war kein Kämpfer ihres Großdeutschen Reichs. Er hing zutiefst an seinem christlichen Glauben und der letzte Name, den er vor seinem Tod aussprach, war Jesus.

Carl Roos war ein elsässischer Patriot der sich für seine Heimat einsetzte und dabei Frankreich gegenüber loyal blieb, da er kein Separatist war. Sein höchstes Ziel war die Verteidigung des elsässischen Partikularismus, seiner Sprache, seiner Kultur und seiner besonderen Gesetzgebung. Nur aus diesem Grund wurde er ermordet und deshalb wollen wir daran erinnern.

Im Hinblick auf die heutige Lage des Elsass, die auf kultureller, sprachlicher und politischer Ebene katastrophal ist, behaupten wir, dass die gleiche Logik 1940 zur Ermordung Roos und, knapp 80 Jahre später, zur Entstehung des unsäglichen « Großen Osten » geführt hat, diese unsinnige « Région Grand Est », die geplant wurde, um uns politisch zu liquidieren, nämlich eine Logik der Intoleranz, der Verneinung der Vielfalt, des abgründigen Abscheus vor Elsässer, Okzitanier, Korsen, Bretonen, die es bleiben wollen …

Das Pariser Regime hat unser Land mit Gewalt und mit Lügen französiert. In 2020 gibt die Zentralmacht dem Elsass nicht einmal die politischen Freiheiten, die es vom deutschen Kaiserreich 1911 erhielt. Und heute will es uns vorgaukeln, dass eine neue Gebietskörperschaft, die sogenannte « Europäische Gemeinde Elsass » (Communauté Européenne d’Alsace), diese völlig leere Hülle, in irgendeiner Weise unser politisches Schicksal ändern könnte.

Trotz allem behalten wir die Hoffnung auf Änderung, die französische Herrschaft wird nicht ewig dauern und das Elsass wird bestehen. Auf jeden Fall vergessen wir Carl Roos nicht!

Carl Roos, mir vergesse di net!

Gruppe Freies Elsass:

Joseph Schmittbiel

Schreiben des Gefängnisgeistlichen, Pater Pierre Brandicourt, nach Urteilsvollstreckung Roos in Champigneulles, am 7. Februar 1940 (Übersetzung). Quelle: Marcel Stürmel Nachlass, Nationale Universitätsbibliothek Straßburg.

Aschermittwoch

Chère Madame,

Ich beeile mich, Ihnen dieses Wort zukommen zu lassen, damit Sie schnell erfahren, dass Ihr Bruder Charles hin zu Gott gegangen ist mit bewunderungswürdigem Mut und Glauben. Sie können sicher sein, dass er im Himmel ist. Seine letzten Worte waren: Jesus, Dir lebe ich! Jesus, Dir sterbe ich!

Er ging weg ohne Gefühl der Revolte, in sehr großer Sanftmut, wie ein Kind.

Ich lieh ihm Bücher; am Vorabend hatte er das Kapitel eines Theologiebuches beendet, das den Titel trug: In Erwartung der Erscheinung (Dans l’attente de la vision). Jetzt sieht er, weiß er, versteht er den geheimnisvollen Willen Gottes und ich bin überzeugt, dass er sich freut.

Ich beabsichtige, Sie zu besuchen, um alles zu erzählen und mit Ihnen zu beten.

Ich nehme sehr Anteil an Ihrem Schmerz, aber seien Sie nicht trostlos, Ihr Bruder Charles, der mir wie ein Vater wurde, lebt und wir werden uns alle in Gottes Nähe wiederfinden.

Ihr sehr ergebener

P. Brandicourt